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Fremdenführer durch Gießen.
Auf der anderen Seite schließt sich der große Exercierplatz, der„Trieb“ ge⸗ nannt an, den man immer im Waldesschatten— umgehen kann, um in den Stadtwald zu gelangen. Auch hier sind anmuthige Spaziergänge, Aus⸗ sichtspunkte im Wald und Gelegenheit zur Erfrischung in ländlichen Wirths— häusern. Besonders schöne Aussicht hat man von dem Thurm auf der tiefer im Wald gelegenen„Hohen Warte“, von der man bequem nach Annerod hinabsteigt. Der Lumpenmanns⸗ Brunnen, an dem der Weg(Licher— Straße) zur Hohen Warte vorbei führt, ist zur Sommerszeit ein beliebtes Aus— flugsziel und im nahe gelegenen Forst— haus Hochwart ist gut ruhen nach heißer Wanderung. Nicht viel weiter, jedoch in anderer Richtung, liegt ein gern besuchter Platz zwischen Gießen und Reiskirchen, die Ganseburg mit dem nahen Römerhügel. Und der, dem diese Wege zu weit sind, findet am Fuße des Schiffenbergs den herrlichsten Hoch— wald mit lauschigen Ruheplätzchen am Ludwigsbrunnen und in dem gegenüber liegenden Forstgarten. Wer aber die Einsamkeit liebt, kann stundenlang unsere Wälder durchstreifen, ohne durch Aussichtsthurm und Wirths— hausschild in seinen Betrachtungen ge— stört zu werden.
Wenn der Winter den Menschen in die Mauern der Stadt bannt, entfaltet sich ein reges gesellschaftliches Leben. Concertsaal und Theater öffnen ihre Pforten und zahlreiche Vorträge sorgen für Belehrung und Anregung. Der Concertverein veranstaltet in jedem Winter 5—6 Concerte, Kammermusik, Orchester, Chorwerke in angenehmer Ab-— wechselung mit den Vorträgen erster Solisten aller Fächer. Für populäre Musik sorgt unsere treffliche Regiments⸗
kapelle in regelmäßigen Donnerstag⸗ und Sonntag-Concerten. Ein ständiges Theater bietet das Neueste neben dem bewährten Alten unserer dramatischen Literatur und der Theaterverein ermög— licht durch seine Beihülfe das Heran— ziehen erster Größen der Schauspielkunst zu Gastspielen. Von den zahlreichen allgemein zugänglichen Vorträgen sind zu nennen diejenigen des Kaufmännischen Vereins, des Gewerbevereins, der Ge— sellschaft für Erd- und Völkerkunde und die sogen. Akademischen Vorträge. Dem Studium dient die Universitäts⸗ Bibliothek, der Belehrung und der Unterhaltung die öffentliche Bücher— und Lesehalle und die Wander-Aus⸗ stellung des Kunstvereins für das Großherzogthum Hessen im Thurmhaus am Brand. Damit aber neben der geistigen Beschäftigung auch die körper⸗ liche Bewegung zu ihrem Recht gelange, ö hat der Eisverein an der Moltke-Straße eine vorzüglich gepflegte Schlittschuh— bahn angelegt, auf der allwinterlich Tausende Erholung und Freude suchen und finden.
Mit dieser knappen Skizze ist die Schilderung unseres gesellschaftlichen Lebens keineswegs erschöpft. Haben wir doch noch einen„Gesellschafts⸗ verein“, der in seinem Clubhaus(in der Sonnen-Straße) nicht nur Lese- und Spielsäle für seine Mitglieder offen hält, sondern auch Bälle und Concerte in großer Zahl bietet. Von den sonstigen. zufälligen Veranstaltungen des Winters wollen wir schweigen; kaum ein Tag vergeht, ohne daß sich dem Zerstreuung Suchenden nicht Gelegenheit genug zeigte, seine Wünsche zu befriedigen.
Aus dem stillen Gießen ist eben eine Stadt geworden voll ernster, regster Arbeit, aber auch voll frischesten fröh⸗ lichsten Lebens.


