IV.
eigentlichen Kern der Stadt herum und die engeren Stadttheile werden ständig durch Neubauten und prächtige Geschäfts— häuser verschönert. Die neuen Universitäts⸗ bauten, die Johanneskirche, die neuen Kasernen sind Bauten, die große Opfer gefordert haben. Für eine neue Bahnhofs⸗ anlage, die den mächtigen Verkehr Gießens beherrschen kann, sind bereits 3½ Mill. Mk. bewilligt. Fast die ganze Stadt umgiebt ein Ring der herrlichsten Anlagen. Viele Errungenschaften der Neuzeit hat sich die Stadt zu Nutze gemacht und un⸗ ermüdlich wird an ihrem Ausbau ge— arbeitet. Sie besitzt Gas- und Wasser⸗ versorgung; ein Electricitätswerk und die Kanalisation der Stadt stehen im Begriff eingeführt zu werden. Vorzügliche Schulen sind vorhanden. Ein musterhaftes Volks⸗ bad, Schwesternhäuser, eine Volkslesehalle und viele gemeinnützige Anstalten aller Art sorgen für das Wohl der Einwohner. Stadttheater, Kunstausstellungen, vor⸗ zügliche Concerte und Vorträge werden gepflegt. Eine rege Vereinsthätigkeit ist auf allen Gebieten bemerkbar.—
Eine große Reihe von Behörden hat in der Stadt ihren Sitz.
Gießens Handel bietet Alles, was weit⸗ gehende Ansprüche fordern können und die Industrie ist in stetigem Aufblühen. Die Tabakindustrie hat großen Ruf; Maschinen- und Metallwaarenfabrikation,
Brauereien sind u. A. ebenfalls als Zweige hiesiger Industrie hervorzu— heben.
Gießen ist bedeutender Kreuzungs- und Ausgangspunkt von Eisenbahnen; hier münden die Linien von Frankfurt a/ M., Cassel, Cöln, Coblenz, Fulda und Geln— hausen, sowie die Bieberthal-Nebenbahn, welche eine Reihe von Nachbarorten dem Verkehr erschließt. Für den inneren Verkehr ist eine lebhafte Omnibusver-⸗ bindung auf mehreren Linien in der Stadt im Betrieb.
Alles in Allem ist ein erfreuliches, rasches Aufblühen der Stadt festzustellen.
Nachstehend einige kurze Notizen über bemerkenswerthe Gebäude und Einrichtungen der Stadt.
Brandplatz 28. Altes Schloß.
Das älteste Gebäude der Stadt: Es steht an der Stelle einer alten von den Gleiberger Grafen als Schutz für das Kloster Schiffenberg erbauten Burg und wurde als Rittersitz um die Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut. Den Bergfried, ehemals Gefängniß, be— zeichnet der Volksmund als Heiden— thurm. Mehrere Landgrafen bewohnten das Schloß. Es war vorwiegend der Sitz von Behörden. Bis 1763 bestand eine Brücken-Verbindung mit dem alten Universitäts-Gebäude. Im Jahre 1866/67 war das alte Schloß Kaserne. Es ist oftmals umgebaut, zuletzt 1860, zur Zeit aber im Verfalle. Demnächst wird es gründlich renovirt und wieder bewohnbar gemacht werden. Unter Anderem sollen auch die Sammlungen des Oberhess. Geschichtsvereins dort untergebracht werden. ö
Am Markt. Altes Rathhaus.
Ein alter Holzbau, dessen Grund— mauern aus dem Anfang des 16. Jahr⸗ hunderts stammen dürften. Die Front des ehrwürdigen Gebäudes wird in allernächster Zeit renovirt und die Holz— construction ornamental zur Geltung gebracht werden. Zur Zeit befindet sich in den oberen Räumen das Museum des Oberhess. Geschichtsvereins. In dem Hause trat im 17. Jahrhundert mehrmals der Landtag zusammen. Der Unterricht des 1605, noch vor der Universität gegründeten Gymnasiums wurde in den frühesten Zeiten eben— falls in seinen Räumen abgehalten.


