Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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uns in dem dramatischen Meisterwerke ein vollständiger Aus- schnitt aus dem Weltgesetze selbst, wie er sich der subjektiven Anschauung des Dichters enthüllt. In das wirre, schwankende Chaos der Ereignisse innere Notwendigkeit hineinzutragen, darauf beruht eben die dichterische Komposition.

Eine befriedigende Erklärung der dramatischen Wirkung habe ich noch in keinem der zahlreichen systematischen Werke gefunden; darum kann das Folgende auch nur ein Baustein zur Lösung der Frage sein. Die Thätigkeit des Zuschauers besteht im Miterleben der Handlung. Jede Szene im Drama aber ist eine Einheit aus dramatischen, epischen, lyrischen und theatralischen Bestandteilen. Gleichzeitig in Geist, Empfindung und Willen strömen also die äusseren Impulse ein. Denn wie das Theatra- lische und die Aktion in uns die Vorstellung der Wirklichkeit er- wecken, wie die epischen Partien unsere Phantasie anregen und die lyrischen Ergüsse in uns gewisse Empfindungen, teils freudiger, teils schmerzlicher Natur, hervorrufen, so übt besonders das eigentlich Dramatische eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns aus. Unsere Willensnerven geraten in Erregung, die Willensstärke des Handelnden überträgt sich auf uns, entzündet uns, reisst uns fort, ob wir wollen oder nicht. Als erstes Merkmal der drama- tischen Wirkung ergibt sich folglich: innere Anteilnahme an dem Helden und zwar an seinem Wollen, Fühlen und Handeln. Damit ist jedoch der Inhalt derselben nicht völlig er- schlossen. Wie das Dramatische selbst, ist auch diese zwiespältiger Art, ein Schwanken hin und her, ein Wollen für und wider. Wir betrachten eben das Werden der Handlung nicht einseitig mit den Augen des Helden, sondern wir kennen bereits die Gegen- mächte, die bei der Arbeit sind, die Pläne desselben zu durch- kreuzen, wir plicken nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in die nächste Zukunft, Hoffnung und Besorgnis wechseln in unserem Herzen. Aus diesem Widerstreit zwischen Anteil- nahme und Reflexion, zwischen Mitversetzung in die Welt des Helden und verstandesmässigem Vorblick in die Zu- kunft entspringt jene Mischung des Gefühls im Zuschauer, die wir als dramatische Wirkung bezeichnen, jene erregte dramatische Spannung, deren Wesen Otto Ludwig in einem glücklichen Ver- gleiche ausführt.¹)Wer eilt, um etwas zu erfahren, dessen Wissen

¹) Studien I, p. 425.