24 Der Zwiespalt des Gefühls ist da; noch eine Stufe, und der Zwiespalt in Heros Willen beginnt.
Aber auch während die Entzweiung des Willens sich all- mählich zum Entschlusse ausreift, kommen alle Skalen mensch- lichen Empfindens in Bewegung, alle Saiten des Herzens zum Erklingen, von jubelnder Freude bis zu herber Resignation, von tiefstem Schmerze bis zur Höhe der Einigkeit zwischen Wunsch und Wille. Eine wahre Stufenleiter von Gefühlen, deren Veranschaulichung der Dramatiker uns nicht vorenthalten darf, wenn er Menschen von unserem Fleisch und Blut darstellen will. In jedem Drama lässt sich diese Kette der Gefühle Glied für Glied verfolgen.
Wenn dann schliesslich der Wille sich in einer That aus- gelebt hat, erfolgt naturgemäss ein Rückschlag auf das Ge- müt des Handelnden, der sich oft in breiter Fülle entlädt. Am wirkungsvollsten und dem raschen ursächlichen Gang des Dramas entsprechendsten gestaltet sich dieses Ausströmen der Empfindung, wenn es wie in der Jungfrau von Orleans die Vorstufe zu neuer Entschliessung bildet. Mithin beansprucht das Lyrische einen wichtigen Anteil im Drama, ohne dasselbe würde die Handlung mehr oder minder frostig wirken. Übrigens ist auch das Lyrisch- Dramatische eigener Art; es bewegt sich in starken Kontrasten und lebendiger Aktion. Schiller und Grillparzer waren in der reinen Lyrik nicht gross, und doch haben sie in der dramatischen Lyrik Vollendetes geleistet. Es ist einleuchtend, in welchem Masse der dramatische Dichter alle Register der Sprache be- herrschen muss, um diesen vielfältigen Anforderungen völlig ge- recht zu werden; noch dazu gilt von der dramatischen Rede in erhöhtem Masse: Qualis vir, talis oratio. Von den neueren Dichtern trifft Hebbel in den Nibelungen besonders glücklich den dramatischen Ausdruck.
Die Wirkung des Dramatischen.
Zu den verwickeltsten Problemen der Ksthetik gehört die Frage nach der Wirkung des Dramatischen. UÜber Gefühlswerte zu streiten, zu sicheren Normen zu gelangen, ist vor allem deshalb so schwierig, weil diese von subjektiven Voraussetzungen ab- hängig sind. Der eine langweilt sich, während sich dem andern eine neue Welt eröffnet, in die er voll Rührung und Dankbarkeit


