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Jahren in unserer Stadt nicht veranstaltet worden war. Sechzig Schülern der Anstalt war auf dem Paradefelde selbst eine Stelle angewiesen worden, von der aus sie den ganzen Verlauf der Parade genau beobachten konnten, während ihre Mitschüler sich am Rande des ab-— gesperrten Vierecks einen Platz suchen mussten. Jedenfalls war es für alle Knaben ein ein-— drucksvoller, erinnerungsreicher Tag. Auch am jubiläum des Infanterie-Regiments v. Alvens- leben waren einer Abordnung von etwa siebzig Schülern in der Kaserne Fensterplätze zur Verfügung gestellt worden, von wo sie der militärischen Feier auf dem Kasernenhofe zu- schauen konnten, sie wurde indes durch dichten Regen beeinträchtigt. Dieselbe Ungunst des Wetters störte die Feier des Sedantages. Es war ein gemeinsamer Ausflug der Hauptanstalt mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen nach Peitz geplant, er wurde auch angetreten, doch die aufgeweichten Wege und drohende Regenschauer liessen die Teilnahme an dem zwei- bis dreistündigen Marsch nicht ungefährlich für jüngere Schüler erscheinen. Deshalb mussten die mittleren und unteren Klassen hinter den letzten Häusern der Vorstadt Sandow wieder umkehren, nur diejenigen ihrer Schüler durften weiterwandern, deren Eltern sich dem Zuge angeschlossen hatten. In Maust wurde des Sedantages mit gemeinsamem Gesange vaterländischer Lieder und einer Ansprache des Berichterstatters gedacht. Darauf ging es bei leidlich günstigem Wetter nach Peitz, wo der Besuch des alten Festungsturmes mit seinem weiten Rundblick über das ebene Spreetal besonders anziehend war; schon standen die Schüler auf dem Bahnhofe, schon hörten sie aus der Ferne den Zug, der sie heimbringen sollte, da fiel in letzter Minute noch ein starker Gewitterregen. Weit günstiger verliefen die Ausflüge, die am 25. Mai von allen Klassen veranstaltet wurden. Die oberste Klasse wanderte zwei Tage im Riesengebirge, und ihre beiden Schüler Klausch und Reichardt, denen ein Stipendium der Ortsgruppe Cottbus des Riesengebirgs-Vereins verliehen war, konnten sogar noch drei Tage in den Bergen bleiben.
Am 29. Juni wurde der hunderten Wiederkehr des Todestages der Königin Luise in einer öffentlichen Schulfeier gedacht. Der Berichterstatter sprach über die Fürstin als deutsche Frau, Mutter und Königin, und die Schüler-Vorträge von Liedern und Gedichten aus ihrer Zeit bereiteten die Gedächtnisrede vor.
An den 100. Geburtstag Fritz Reuters wurde in einer Vorfeier am 26. August erinnert, bei welcher Herr Schauspieler Maurice eine Reihe Reuterscher Dichtungen in der Aula vortrug. Es wurde dieses Jahr nur eine fremdsprachliche Rezitation veranstaltet, Herr Prof. Louvrier, Breslau sprach über La Vie à Paris.
Am 14. November hielt der Direktor der Comenius-Schule in Schöneberg, Herr Dr. Stoewer, einen Vortrag„Ferientage im Riesengebirge“ zu Gunsten der Schüler-Unterstützungs- Kasse. Seine herzlich-frische, vornehm-gewählte, oft poetische Darstellungskunst war vom 28. Februar 1909 her, einem Vortrage über„Sommerferien in Thüringen“, auf das vorteilhafteste bekannt und zog die Eltern unserer Schüler in so grosser Zahl an, dass der Döringsche Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Lichtbilder aus dem Riesengebirge, die Herr Direktor meist selbst aufgenommen hatte, versetzten die Zuhörer oft in Gegenden, die ihnen aus eigener Anschauung, von Wandertagen im Gebirge bekannt, ja vertraut waren, übten aber in ihrer künstlerischen Vollendung und unter den begeisternden Worten des Redners eine eigenartig tiefe Wirkung aus, die durch die eingeflochtenen Sologesänge des Frl. Gehrig und Lieder unseres Schülerchors noch verstärkt wurde. Herr Direktor Stoewer, dem reicher Beifall gespendet wurde, kann auf den„Familien-Abend“ stolz sein. Herzlich sei ihm auch an dieser Stelle gedankt.
Um den nachteiligen Folgen des anhaltenden Sitzens der Schüler vorzubeugen, sind seit dem Jahre 1907 in Schulen aller Art Versuche angestellt worden, durch bestimmte Frei- übungen die Atmung zu vertiefen, die Verdauung und den Blutumlauf zu beleben, sowie die Körperhaltung zu verbessern. Der günstige Einfluss solcher täglichen Turnübungen auf die körperliche und geistige Frische und Regsamkeit der Knaben ist fast überall festgestellt worden. Am 1. November wurden sie für die Realschule eingeführt. Sie werden im Freien an den Tagen veranstaltet, an denen Turnunterricht oder Turnspiele nicht stattfinden und dauern fünf bis zehn Minuten vor Beginn der dritten oder vierten Pause. Der Zeitverlust, den der Unter- richt durch die Pausenübungen erleidet, fällt sicherlich nicht ins Gewicht, wenn es mit ihrer Hilfe gelingt, die tägliche Betätigung in gesunden Körperübungen zu einem unverlierbaren Bedürfnis, zu einer auch über die Schulentlassung hinaus geübten Lebensgewohnheit zu machen. Unzweifelhaft ist es auch die vornehmste Aufgabe des Turnunterrichts in dieser Hinsicht anregend zu wirken.


