Jahrgang 
1833
Einzelbild herunterladen

13

und wenn dieſe einigen Erfolg gehabt, ſo hat ſie es nur Ihrem Beiſtande, Ihrer Weisheit, Ihrer Pflichttreue zu verdanken: Ihnen gebe ich es jetzt als heiligen Tribut zurück. Ja deß freu' ich mich mit vollem Herzen, ich freue mich mit Stolz, in der Mitte ſolcher Männer gewirkt zu haben; ich freue mich der großen Schuld, die Sie mir mitgeben! Denn Dankbarkeit iſt eine ſüße Pflicht, und das Verdienſt zu ehren, eigne Ehre..

Aber auch Euch, geliebte Schüler, ſehe ich in dieſem Rückblick auf meine hier verlebten Jahre mit innigem Wohlgefallen. Ihr ſeyd zwar die Letzten unter den Vielen, die vor Euch aus dieſer Bildungsanſtalt gegangen und zum Theil ſchon als würdige Arbeiter in öffentlichen Amtern ſtehen, zum Theil ſich darauf vorbereiten: aber der Geiſt der Beſſern, der immer hier walte, iſt auf Euch übergegangen. Was Jene mir geweſen, ward auch Ihr mir; ihr Fleiß, ihre Liebe, ihre Biederkeit war auch die Eure. Darum fühlte ich ſo oft in Eurer Mitte, welch lohnender Beruf es iſt, Lehrer der Jugend zu ſeyn; und wenn ich mir dieſen Beruf zur Aufgabe meines ganzen Lebens geſetzt habe, ſo habt Ihr einen großen Theil daran durch jene erfreulichen Beweiſe von reger Empfänglichkeit für das Gute und Schöne. durch jene erfreulichen Beweiſe von Vertrauen, Gehorſam und Anhänglich⸗ keit, die Ihr, gleichwie Euren übrigen Lehrern, ſo auch mir fortdauernd gegeben habt. Dieſe Er⸗ fahrung iſt mir jetzt ſo tröſtend, ſo ermuthigend, daß ich ſie als theuerſtes Kleinod von Euch mitnehme. Bewahret dieſen Ruf: Ihr ſeyd ja die Hoffnung des Vaterlandes!

Noch möchte ich, auf daß wir fröhlich von einander gehen, einen ernſten Gedanken anknüpfen, der das Scheiden aus einem geliebten Kreiſe nicht nur erleichtert, ſondern zur ſchönſten Weihe des Lebens macht.

Unſere Beſtimmung iſt ſo ſicher eine ewige, als der in uns lebende Geiſt ein ewiger iſt. Aber auf dieſer Erde kann ſich der Menſch nur in ſtetem Übergange befinden: Fortſchreiten iſt ohne Wech⸗ ſel nicht denkbar. Alle Bande der Natur, alle Gegenſtände unſerer Neigungen, Alles, was uns in irgend einem Lebensalter anzieht und feſſelt, was wir mit Luſt und Sehnſucht ergreifen, was wir mit Eifer gründen und ſchaffen: Alles müſſen wir früher oder ſpäter aufgeben. Wir erſtreben nur das Eine, um es gegen das Andre einzutauſchen, wir gewinnen nur, um wieder zu verlieren, dem Liebſten, dem Theuerſten müſſen wir irgendwann entſagen: der menſchlichen Verhältniſſe iſt kein Bleiben und Beſtand. Und warum iſt dies wohl von der Liebe Gottes alſo geordnet? Darum, daß ſich des Menſchen Sinn von dem Vorübergehenden zum Bleibenden, von dem Vergänglichen zum Unvergänglichen wende, daß er all ſein Thun auf das Ewige richten, daß er die höchſte Bedeu⸗ tung ſeines Lebens faſſen lerne. So ſoll uns denn jeder ſchmerzliche Verluſt mahnen an das, was wir feſthalten müſſen, ſo ſoll uns jede irdiſche Trennung eine Weihe zum Höhern, eine Vorbereitung zur ewigen Trennung werden. Ein ernſter Gedanke, ſage ich; aber laßt uns ihn von der hei⸗ terſten Seite begreifen. Denn in Wahrheit verlieren wir durch den Riß irdiſcher Verhältniſſe jenes Höhere nicht, ſondern werden nur getrieben, es inniger zu faſſen und kräftiger feſtzuhalten. Nicht ja das ſichtbare Zuſammenſeyn mit allen ſeinen Reizen, nicht ja die unmittelbare Begegnung von Angeſicht zu Angeſicht, ſo zarte Bande ſie auch um menſchliche Herzen ſchlingt, iſt das Bedeutendſte und Schönſte, was wir mit geliebten Weſen austauſchen. Nein es iſt noch ein Andres. Ihr Den⸗ ken und Handeln, ihr Streben und Schaffen, ihr Innerſtes, ihr Geiſt iſt es, der uns das Herr⸗ lichſte bietet, der uns zum ſeligſten Leben mit ihnen vereint, an dem wir, um mit Platon zu reden, die Schwungkraft unſerer Seele nähren! Und dieſe Seelenberührungen ſind es, durch die wir in un⸗ zertrennlicher Nähe bleiben, wenn auch alle trennbaren Bande aufgelöſt werden: erhaben über Zeit

4