Ueber die fortſchreitende Verallgemeinerung der arithmetiſchen Operationsbegriffe und die Natur der damit zuſammenhangenden verſchiedenen Zahlformen.
Es iſt nichts Seltenes, daß bei der liquiden Natur der Vorſtellungen, Begriffe und dem mehr oder weniger ſtarren Weſen des Zeichens, Buchſtabens, Wortes der Begriff oft ein ganz anderer geworden iſt, wäh⸗ rend das bezeichnende Wort ꝛc. in ſeinem urſprünglichen materiellen Gehalte ſich ganz unverändert erhalten hat. Mannigmal erleidet auch das Wort eine dem Wechſel ſeines Begriffes entſprechende Veränderung, erſcheint dann gleichſam als eine von dem Begriff abhängige Funktion. In dem letzteren Falle, der beſonders da auftritt, wo die Sprache noch in jugendlicher Friſche und Unmittelbarkeit, voller Leben, Biegſamkeit und Schmiegſamkeit daſteht, wo noch der ganze, friſche, geſtaltende und umbildende Volksgeiſt in ihr lebendig und thätig iſt, und noch keine Gebilde dem mächtigen Strome des organiſirenden Geiſtes der Volksſprache entzogen ſind, da ſpiegelt ſich die Veränderung eines Begriffes in der Veränderung eines Wortes ab, und die Geſchichte eines Begriffes kann an den Veränderungen des Wortes erkannt und ſtudirt werden. Wo aber ein Wort dieſem friſchen, unmit⸗ telbaren, organiſirenden Strome des Sprachlebens entzogen, in das Reich den Blrſeron, der Wiſſenſchaft und Kunſt verpflanzt worden iſt, da geſchieht es gar nicht ſelten, daß der urſprüngliche Begriff eines Wortes längſt ein anderer geworden, ja oft in ſein volles Gegentheil übergegangen iſt, während das Wort in ſeinen ſtarren Elementen wie ein Ueberbleibſel aus einer alten, längſt vergangenen Zeit noch immer auf dieſelbe Weiſe Ohr und Auge trifft. In ſolchem Falle haben etymologiſche, Wort⸗Erklärungen nur dann ein fruchtbringendes Ziel, wenn man auf den Sinn, der dieſen Worten urſprünglich zu Grunde gelegen hat, wenn man auf den Aus⸗ gangspunkt einer Wiſſenſchaft und Kunſt zurückgehen, wenn man ermitteln will, welche Veränderung im Laufe der Zeit mit einem Begriffe vorgegangen iſt, während der Träger des Begriffes gar keine Veränderung erlitten hat. Sehr verkehrt würde es ſein, wenn man mit dieſer etymologiſchen, Wort⸗Erklärung das Weſen des in gegenwärtigem Augenblick durch das Wort bezeichneten Begriffs meinte erfaßt zu haben. So erinnert wohl das Wort„Erdbeſchreibung“ an die dem Wort bei der Entſtehung der entſprechenden Wiſſenſchaft zugekommene Bedeutung, aber wer würde bei verändertem Begriff der Wiſſenſchaft die Geographie noch durch: Beſchreibung der Erde oder auch der Erdoberfläche erklären wollen? So erinnert der Name„Salz“ in der Chemie wohl an den in dem natürlichen Syſtem der Oryktognoſie oder im gewöhnlichen Leben geltenden Begriff von Salz, aber der Begriff hat im Laufe der Zeit eine ſo große Aenderung erfahren, daß ſelbſt unſer Kochſalz, von dem doch der Name herrührt, einmal von der Liſte der Salze geſtrichen werden mußte, und jetzt unter den Salzen der Chemie manche Körper vorkommen, bei denen an die früher das Salz charakteriſirenden Eigenſchaften ſo wenig zu denken iſt, als man bei dem in Brauneiſenſtein umgewandelten Schwefelkies wegen der ſtehen gebliebenen alten Form noch an einen unveränderten Fortbeſtand in dem chem. Gehalte denkt.
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