Jahrgang 
1847
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Ueber die Bedeutung der Ortsnamen auf lar, insbeſondere über die Entſtehung und Bedeutung des Namens Wetzlar.*)

Gar manche Dinge pflegen als geringfügig betrachtet zu werden, die, beim Lichte beſehen, keineswegs ſo unbedeutend ſind, wie ſie ſcheinen; anderen dagegen wird von vielen Seiten her ein Werth beigelegt, der ihnen in keinem Betrachte zukommt.

Beide Auffaſſungsweiſen haben namentlich auch in Bezug auf Bedeutung und Erklärung der Orts⸗ namen ſich geltend gemacht. Einige halten Unterſuchungen der Art für ebenſo nothwendig und weſentlich, als die Ermittelung der hiſtoriſchen Wahrheit ſelbſt; Andere dagegen betrachten ſie, wo nicht als gänzlich unnütz und für die Geſchichtsforſchung unergiebig, doch zum Mindeſten als höchſt untergeordnete Neben⸗ ſachen oder als erträgliches Beiwerk. Es mag auch hier das Richtige in der Mitte liegen. Denn iſt gleich der Ort ſelbſt, um den es ſich handelt, ſeiner geſchichtlichen Entſtehung nach außer allen Zweifel geſtellt, ſo will doch der Name deſſelben einer der Sache entſprechenden Deutung oftmals ſich ſchwer fügen. Daher werden denn alle mögliche Mittel aufgeboten, dem Ortsnamen irgendwie eine zuſagende Bedeutung abzugewinnen und nicht ſelten Erklärungen ans Licht geſtellt, die aller geſchichtlich⸗ſprachlichen Begründung entbehren und höchſtens einzelnen Hypotheſen eine ſchwache Unterlage zu geben geeignet erſcheinen. Wortdeuteleien und Sprachetymologieen werden in Maſſe aufgeſpeichert, um einem ganz einfachen Namen eine abſonderliche Tiefe, eine beſondere ſprachliche Bedeutung nachzuweiſen Alles an ſich ganz gut und ſchön, wofern nur der Deutung eine reale Bedeutung nicht entzogen, der Tiefe nicht ein bodenloſes Verſinken gleich geachtet, der gewonnenen ſprachlichen Begründung der eigentliche Grund und Boden nicht verkümmert wird. Wahr bleibt es auch hier, daß, je einfacher bei dergleichen Namens⸗ erklärungen zu Werke gegangen, je natürlicher die Bedeutung zu Tage gefördert, je ſchlagender Sprach⸗ gebrauch und Sprachanalogie zur Erläuterung herangezogen wird, ein deſto befriedigenderes Reſultat ſich darſtellen, eine deſto allgemeinere Anerkennung deſſelben erfolgen dürfte.

Wenden wir um von dem Allgemeinen zu dem Beſonderen überzugehen das eben Bemerkte beiſpielsweiſe auf die, mehreren Ortsnamen beigegebene Endſylbe lar an, ſo hat auch dieſe die verſchie⸗ denartigſten Deutungsverſuche hervorgerufen.*

Einige nehmen die Anhangsſylbe lar, oder mit dem Umlaut lär, in der Bedeutung von leer (vacuus), um dem Orte bereits durch ſeinen Namen eine bleibende Stätte auf unbebautem Boden (eine Lere oder Leere) geſichert zu ſehen. Andere laſſen dieſes Suffixum, zu einem ſelbſtſtändigen Worte erhoben, in friſchem Lebensmuthe auf die Höhe eines Lohr ſich verſteigen, und dieſes Lohr mit Loh oder Luh auf ſprachlichem Wege alſo in Verbindung treten, daß ſie unter dem letzteren entweder ein kleineres, ſchmales Gehölz(lucus, nemus, pratum, Buſch, Hain, Waldwieſe), oder auch eine größere, namentlich mit Eichenſtämmen bewachſene, auch wol hügelartig anſteigende Waldſtrecke verſtanden wiſſen

*) Ein Vortrag, gehalten in der Generalverſammlung desWetzlar'ſchen Vereins für Geſchichte und Alterthumskunde am 14. Mai 1845. Die erläuternden Anmerkungen ſind nachträglich beigefügt worden. 4 1*