Jahrgang 
1900
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kes. So arm an politischer Bildung jene Zeit war, so reich war sie an geistigem, an wissen- schaftlichem und ästhetischem Leben. Und als die Zeit der Not kam, da richtete sich unser ge- knechtetes Volk an dieser Bildung auf, da bekam das Dichterwort, das gerade vor 100 Jahren zum ersten Mal von deutscher Bühne ertönte:Es ist der Geist, der sich den Körper baut, seine tiefe Bedeutung. Da wirkte derselbe Geist, der diese Schule schuf, im preussischen Volke bei seiner Erhebung für die Befreiung vom fremden Joch. Niemals soll unser Volk es vergessen, dass jenes Erwachen unseres geistigen Lebens zusammentraf mit dem Erwachen unseres politischen Bewusstseins, und dass der Geist von 1813 gestärkt war durch den Geist klassischer Bildung, der uns reich gemacht hat in jenen Tagen politischer und materieller Armut. Auch diesem Geiste gelten meine Glückwünsche! In unsern grossen Städten, in denen Reichtümer nahe beieinander liegen und materielle Kräfte augenfällig und mächtig wirken, vergisst man ja leicht, auch den geistigen Imponderabilien seine Achtung zu widmen, geht man zu leicht mit einem gewissen Reformstolz an dem sogenannten toten Wissen und den sogenannten toten Sprachen vor- über. In der Ruhe der Kleinstadt, wo grössere Vertieſung möglich ist und der Geist empfäng- licher bleibt für bleibende geistige Werte, wo die Herzen frischer und aufnahmefähiger sind, ist man noch weniger berührt von dem oberflächlichen und materiellen modernen Getriebe und freut sich der geistigen Schätze unseres Volkes kindlicher und unbefangener. Möchte dieser empfäng- liche Geist für alles Schöne, Gute und Wahre, für Gottesfurcht und Vaterlandsliebe diesem Gym- nasium erhalten bleiben, und das Kleinod humanistischer Lebensanschauung hier immer eine gute Stätte sorgsamer Pflege finden. Und noch ein dritter Wunsch! Möchten die richtigen Männer hier immer an der richtigen Arbeit stehen. Wer in die Festschrift nach dieser Seite hin einen prüfenden Blick wirft, gewahrt mit Freude, welch' eine stattliche Reihe von hervorragenden Männern diese Stätte mit ihrem Wirken geweiht haben, der hält sinnend inne bei Namen wie Wiedasch, Herbst, Vogt, Jäger und vielen anderen und knüpft den Wunsch daran, dass solche Lehrkraft hier immer beim Werke sein möge. Verehrte Herren des Lehrerkollegiums: Lehrproben und Lehrgänge machens nicht, sondern die vorbildlichen Persönlichkeiten, die sich in ihrer Arbeit pflichtgetreu erproben und ihren festen eigenen Gang gehen. Und damit dieser Grundsatz bleibende Mahnung sei, ist dieser Anstalt am heutigen Tage eine Ehrung zu Teil geworden, die den Wert vorbildlicher Per- sönlichkeit allezeit der heranwachsenden Jugend zu Herzen führen soll.

Ich habe die hohe Ehre und die schöne Freude, in dieser Feierstunde mitteilen zu dürfen, dass Seine Majestät der Kaiser und König auf den Bericht des Herrn Ministers der geist- lichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten Allerhöchst sich gern geneigt zu erklären geruht hat, dem Gymnasium zu Wetzlar anlässlich seines 100jährigen Jubiläums Allerhöchst ihr Bildnis zu verleihen. Da die Beschaffung desselben bis zum heutigen Tage unmöglich war, so haben Se. Majestät bestimmt, dass der Anstalt von der Allerhöchsten Entschliessung vorläufig Mitteilung ge- macht werde. Das Königliche Schulkollegium ist beauftragt, das Erforderliche zu veranlassen und dabei zugleich die Glückwünsche Sr. Excellenz des Herrn Ministers zu der Allerhöchsten Gnaden- bezeugung auszusprechen.

Ferner hat Se. Majestät der König den Gymnasialdirektor Professor Dr. Fehrs zum Ritter des Hohenzollern'schen Hausordens ernannt und ihm den Adler des Ordens verliehen. Mein werter