Wie viele Briefe hat der Apostel Paulus an die Corinther geschrieben?
Die beiden uns im N. T. überlieferten Briefe des Apostels Paulus an die Christengemeinde zu Corinth sind in Bezug auf ihre Echtheit bisher bekanntlich so gut, wie unangefochten geblieben. Um so grösser sind dagegen die Meinungsverschiedenheiten, wo es sich handelt um die Aufhellung ihrer gegenseitigen Beziehungen in Hinsicht auf Zeit, Abfassung, Besorgung, Zweck, Veran- lassung und dergl. Mitten hinein in dies, annoch sehr umstrittene, Gebiet führt die Frage, zu deren Lösung die vorliegende Arbeit einen Beitrag liefern möchte, die Frage nämlich nach der Anzahl der vom Apostel P. an die Gemeinde in der Hauptstadt Achaja'’s erlassenen Send- schreiben. Sie greift aber insofern auch hinaus über jenes Gebiet der gegenseitigen Be- ziehungen, als bekanntlich durch eine Stelle unseres ersten Corintherbriefes(I) der Ausblick auf ein demselben vorausgegangenes Schreiben des Apostels an die Gemeinde eröffnet wird. In die Untersuchung dieser Stelle treten wir zunächst ein. Sie kann kurz sein, denn die Existenz dieses „Vorbriefes“ steht eigentlich fest, und nur der Widerspruch eines einzigen Gelehrten(L. Schulze's in Zöcklers Handbuch der theol. Wissenschaften I, 2, 85) so weit ich sehe, nötigt dazu, die für die Existenz des„Vorbriefes“ entscheidenden Momente hier noch einmal kurz zusammenzufassen.
Die Worte Pauli I Cor. 5, 9:„E&οαα νυιυάνννv“ν τm ᷣατονmφ, ui, eυνναναναρςνννι νοννον machen dem ersten unbefangenen Blick den Eindruck, dass P. damit auf ein seinen jetzigen Lesern bereits bekanntes, also früheres, Schreiben hinweise. Schulze freilich a. a. O. deutet das ev 1*1&πασοπmπ auf den bereits niedergeschriebenen Teil unseres Iten Briefes und erklärt das.ꝓν££α für den von P. so häufig angewandten, für uns dem Praesens gleich zu achtenden, Aorist des Briefstiles. Von letzterem kann nun gar keine Rede sein; Schulze verwechselt, was übrigens in diesen Fragen nicht ihm allein passiert ist, den Briefstil-Aorist mit dem Aorist der unmittelbaren Vergangenheit, der ihm übrigens für seine Behauptung die gleichen Dienste gethan haben würde. Aber in dem 2ν 10△ mGενααστονm-Ö steckt der für Schulze’s Auffassung unüberwindliche Anstoss. Denn es ist dem Apostel einfach nicht zuzutrauen,— er hätte denn müssen die Tinte nicht halten können,— dass er diese Worte geschrieben hätte, um auf eine vorhergehende Stelle des vorliegenden Schreibens zu verweisen.
Was aber die Sache zur letzten Entscheidung bringt, eine Verweisungsstelle, auf welche die angeführten Worte bezogen werden könnten, ist im bisherigen Teile unseres Briefes überhaupt nicht vorhanden. Die einzige in Frage kommende wäre die uumittelbar vorhergehende— wobei nebenhin gesagt, der wortreiche Hinweis„ev τ⁊*τοπm ur um so lästiger würde— nämlich die v. v. 5, 1— 8. Vorher ist im ganzen Briefe weder von νο mnoch von zοονεαα im Entfern- testen die Rede.


