Jahrgang 
1894
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11 was wir mit der Vernunft nur mit Mühe(6‚) erfassen können. Wie schwer aber und mühevoll, zugleich aber wie wichtig es ist, zu jener höchsten Erkenntnis zu gelangen, davon geben uns die früher besprochenen Gleichnisse, welcher sich Plato bedient, hinreichenden Beweis. Die Wichtig- keit dieser Erkenntnis werden wir im folgenden noch näher würdigen lernen.

Wie nämlich die Idee des Guten über allen Ideen steht, so ist sie auch der letzte Grund und das Vorbild derselben und zwar nicht dieser allein sondern jeder Vollkommenheit. Wir müs- sen hier ausgehen von unserem ersten Gleichnis. Wir fanden dort(508 C) ein richtiges Verhält- nis Zwischen der Vernunft, den Ideen und der Idee des Guten einerseits und der Sehkraft, dem Gesehenen und der Sonne anderseits. Wem das von der Sonne ausgestrahlte Licht zu vergleichen sei, haben wir nicht genügend nachgewiesen. Wir sagten nur, dass sich das Licht zur Sonne verhalte wie Wahrheit und Erkenntnis zur Idee des Guten. Stumpf*) weist mit Recht die An- sichten Steinharts und Susemihls, welche es auf die Vernunft und die Ideen beziehen, zurück. Ich kann nicht umhin mich seiner Ansicht anzuschliessen. So kurz wie möglich will ich dieselbe hier mitteilen: Alle Bedingungen der geistigen Erkenntnis sind in dem Gleichnis gegeben. Es ist jedoch keine Substanz da, der das Licht entspräche, wohl aber sind Relationen vorhanden, worin die Bedeutung des Lichtes für die Analogie liegt. Die eigentümliche Natur des Lichtes beruht, wie wir früher sagten, nun darin, dass sie sich auf das Gesehene und den Sehenden bezieht, beide verbindet. Beim Geistigen ist dies naturgemäss ein Verhältnis zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten und zwar dasjenige, welches wirkliche Erkenntnis verschafft, sobald ersterer sich auf letzteres richtet. Wie das Licht von der Sonne, so stammt dies von der Idee des Guten. Dasselbe besitzt sie ewig, wie die Sonne das Licht, wodurch vorausgesetzt wird, dass sie sowohl erkennend als erkannt ist. Daher ist das Erkennende durch sein Erkennen und das Erkannte durch sein Erkanntsein ihr ähnlich(509 A). Die Mitteilung des Erkennens seitens der Seele und des Erkanntwerdens seitens der Idee ist aber nur möglich, wenn, wie die Sonne nicht blos das Licht, sondern alles Körperliche, dem sie es verleiht, so die Ildee des Guten Seelen und Ideen erzeugt. (So schliesst Stumpf a. O.)

Kurz, wie wir im Reich des Sichtbaren erst, nachdem wir die Sonne geschaut haben, über ihre Wirkungen uns Klarheit verschaffen können, so vermögen wir auch im Reiche des Intel- ligiblen erst, nachdem wir die Idee des Guten erkannt haben, uns eine Vorstellung von ihren Ei- genschaften und Ausserungsweisen zu machen. Sie verleiht Erkenntniskraft der erkennenden Ver- nunft oder der Seele und Erkenntnis den Ideen, worauf sich jene richtet. In dieser Beziehung sind beide, Seele und Ideen, der Idee des Guten ähnlich; dadurch ist sie aber zugleich, wie die Sonne dem Gesehenen nicht allein Sichtbarkeit sondern auch Entstehen, Wachstum und Gedeihen giebt, letzter Grund der Ideen, nicht der Seele, wiewohl auch sie erst durch die Wirkung der Idee des Guten wird, was sie ist. Vgl. Stumpf a. O. S. 213 Anmerk. 3. Sie verleiht ihnen nicht blos Erkennbarkeit, sondern auch Sein und Wesen(ro ενασι πηα νν σια ³⁰9 B), nichtενεοσνν, da sie ewig sind. Die Ideen sind also durch die Teilnahme an der Idee des Guten das, was sie sind. Die Idee des Guten selber ist aber keine ouᷣ, sondern übertrifft dieselbe an Würde und Macht. Sie steht über den Ideen in demselben Masse, wie die Ideen über den sichtbaren Dingen,

*).»Das Verhältnis des platonischen Gottes zur Idee des Guten« in der Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritik, neue Folge Bd. 54 S. 211 Anmerk. 2*