Jahrgang 
1894
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Die Ides) des Guten in Platos Staat)) und der Gottesbegrifl

Der Zweck des platonischen Dialogsder Staat ist, das Wesen(&l ε) der Gerechtig- keit, wie sich dieselbe in einem möglichst guten Gemeinwesen äussert, darzustellen. Dies thut Plato zunächst in rein empirisch psychologischer Weise, macht aber dann bei der Frage nach dem Bildungsgange und den Tugenden eines treuen und tüchtigen Staatsmannes darauf aufmerksam, dass in der angegebenen Art der Untersuchung das Wesen der Gerechtigkeit nie genau(dxανιο) erfasst werden könne, man müsse vielmehr einen weiteren und mühevolleren Weg wählen. Dieser wird im 4. Buche(435 D**) als alorso æd'² õeiοωeν νᷣ und im 6. Buche(504 B) als ueooreο TsOοs bezeichnet. Erst nach Zurücklegung dieses weiteren Umweges, spricht Plato bestimmt aus, kann das Wesen jeder Tugend(Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit und Weisheit) klar erkannt werden. Wenn Plato mit der d. 6. im 4. Buche auf die bei so wichtigen Dingen uner- lässliche philosophisch metaphysische Methode der Untersachung gegenüber der genannten empi- risch psychologischen hindeuten wollte, so bezeichnet er mit der. a. im 6. Buche nicht allein dieselbe Methode der Untersuchung, welche wir besser vielleicht die dialektische in der speziell platonischen Bedeutung nennen(vgl. Buch 7, 532 B), wie dies unwiderleglich aus den an jene Stelle des 6. Buches wieder anschliessenden Kapiteln 6 u. f. des 7. Buches(521 C ff.) hervor- geht. sondern auch das Ziel derselben, die Erkenntnis des Wesens-)(der Idee) des höchsten Gutes.+. 9)

Nachdem Plato hervorgehoben, dass ein treuer Staatsmann jenen weiteren Weg wandeln

*) Unter der Idee versteht Plato das dem Inhalte des Begriffes entsprechende wahrhaft Seiende, das ob- jektive Korrelat des Begriffes. Wenn Sokrates erklärt hatte, nur die Erkenntnis der Begriffe gewähre ein wahres Wissen, so schreitet Plato zua der weiteren Behauptung fort, nur dem in den Begriffen Gedachten, den Formen der Dinge, den Ideen, komme wahres und ursprüngliches Sein zu.

**) Die für unsere Aufgabe vornehmlich in betracht kommenden Abschnitte des Staates, Buch 6(504 511) und Buch 7(514 518) sollen im folgenden einer eingehenden Analyse unterzogen werden, und am Schluss wird das Ergebnis der Untersuchung kurz zusammengefasst sich anschliessen.

**x*) Platonis opera quae supersunt recogn. Godofr. Stallbaum.

) Wiegand trifft wohl in seinem platonischen Staate das Richtige, wenn er 1⁸N ⁴αφάαιο εα übersetzt »Wesen vom höchsten Gut,« da das höchste Gut nach Plato, wie wir sehen werden, keine owuia besitzt.

) Mit Recht weist Krohn in seinem Werke»der platonische Staat« S. 128 die Anmerkung Prantl's zu 435 D zurück, welcher dort eine Andeutung des Intelligiblen finden will. Auch haben wir es hier wohl nicht blos mit einem Mittel der Dialektik zu thun, um die frühere Auseinandersetzung im 4. Buche, welche allerdings mit der im 6. eng zusammenhängt, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.

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