Jahrgang 
1889
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Zur Schillerlektüre.

Ein Beitrag zur Behandlung des Dichters auf der höheren Schule.

I.

Keinem von unsern grossen Dichtern pflegt eine hervorragendere Stelle in unsern Schulen eingeräumt zu werden als Schiller, dem begeisterten und begeisternden Sänger des Ideals und der Freiheit, dessen kühnen Adlerflug die Not des Lebens und seine Irrungen, mit welchen er wie mit den Schranken seiner Kunst in ernstem Kampfe gerungen wie einer, nicht zu hemmen vermocht, der mit unbeugsamer Kraft des Willens per aspera ad astra, durch Nacht zum Lichte, durch bittere Enttäuschungen und schmerzvolle Entsagung zu der Höhe des Lebens und der Kunst empordrang, der von der hohen Warte, zu welcher er sich allen äusseren Hemmnissen und widrigen Verhältnissen zum Trotze mit männlichem Mute emporgearbeitet, an entscheidendem Wendepunkte seines Lebens der ringenden Menschheit, mahnend und tröstend zugleich, das Wort zurief:

»Auch aus der Sinne Schranken Führen Pfade aufwärts zur Unendlichkeit«!

Ein Führer zur Unendlichkeit wollte Schiller der Menschheit werden, ein Lehrer und Erzieher vor allem seines deutschen Volkes, der deutschen Jugend zumal. Mit welch glühender Begeisterung hat er im Mai 1789 sein Lehramt an der Universität zu Jena angetreten, mit welch ernstem Pflichtgefühle seine Aufgabe ergriffen, ein Erzieher der Jugend zu sein, hohe Ziele ihrem Streben zu stecken, sie zu begeistern für die Ideale, die in seiner edlen Brust lebten, einen hohen Begriff von der Aufgabe, die ihrer warte, in ihr zu erwecken und iusbesondere die Gefühle der Dankbarkeit und der Pflicht in den jugendlichen Herzen zu befestigen!»Der Aublick so vieler vortrefflichen jungen Männer,« sagt er im Anfange seiner akademischen Antrittsrede, in welcher er die Frage zu beantworten sucht:»Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?«, der Anblick so vieler vortrefflichen jungen Männer, die eine edle Wissbegierde um mich her versammelt, und in deren Mitte schon manches wirksame Genie für das kommende Zeitalter aufblüht, macht mir meine Pflicht zum Vergnügen, lässt mich aber auch die Strenge und Wichtigkeit derselben in ihrem ganzen Umfang empfinden. Je grösser das Geschenk ist, das ich Ihnen zu übergeben habe und was hat der Mensch dem Menschen Grösseres zu geben als Wahrheit? desto mehr muss ich Sorge tragen, dass sich der Wert desselben unter meiner Hand nicht verringere. Je lebendiger und reiner

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