14
Denkbaren zu dem Denken und dem Gedachten ebenso verhält, wie die Sonne in dem Gebiete des Sichtbaren zu dem Gesicht und dem Gesehenen. Das Sehen und Gesehenwerden setzt nämlich als Bedingung seiner Möglichkeit das Licht voraus, dieses aber als seine Ursache die Sonne. Ganz in derselben Weise ist es ein Sprössling des Guten, welcher dem Erkennbaren Wahrheit und dem Er- kennenden das Vermögen giebt. Dieser Sprössling des Guten ist offenbar dasselbe wie das, was Schleiermacher die Identität des Realen und Idealen nennt. Das Gute selbst dagegen entspricht Gott. Von dem Guten dürfte es also nach Plato keine eigentliche Erkenntnis geben. Nun lässt er allerdings im siebenten Buche des Staates die aus der Höhle entlassenen Gefangenen nach langer Vorbereitung auch die Fähigkeit erlangen, in die Sonne zu schauen, und sagt dann dem entsprechend, dass zuletzt unter allem Erkennbaren, wenngleich nur mit Mühe, die Idee des Guten erblickt werde. Aber schon dieses»nur mit Mühe« zeigt, dass Plato an ein wirkliches Erkennen des Guten nicht denkt, wie er denn auch vorher ausdrücklich dasselbe als etwas Höheres über die Erkenntnis hinaus- gerückt hat.
Wir begnügen uns, die Hauptfragen der Philosophie berührt zu haben. Es scheint— in dem Vorangehenden dürfte der Beweis dafür liegen—, dass man Schleiermacher gradezu als Schüler Platos bezeichnen kann. Freilich als einen Schüler nicht gewöhnlicher Art. Von dem Geiste des Meisters durchdrungen und sich der Intentionen desselben bewusst, weiss er ihm auf den oft nicht leicht erkennbaren Spuren seines Weges nachzugehen und anderen Weg und Ziel zugleich kenntlich zu machen. Die von jenem unzusammenhängend hingeworfenen Züge schliessen sich ihm zu einem Gesammtbild zusammen.»Man dürfte wohl nichts im Gebiete der Philosophie auffinden, worüber nicht ein Urteil entweder geradezu und deutlich, oder wenigstens den Gründen nach in Platos Schriften anzutreffen wäre.«77) Diese Urteile hat Schleiermacher verbunden und gewissermassen in ein System gebracht. Wir haben dieses System nur im grossen betrachtet. Es dürfte aber nicht schwer fallen. auch in Einzelnheiten die Uebereinstimmung Schleiermachers mit Plato nachzuweisen. Wir erinnern an das, was Schleiermacher über das»vierfache Verhältnis des Denkens zur Idee des Wissens, je nachdem sie darin abgebildet ist oder nicht,« sagt, 78) indem er das Nichtwissen des Nichtwissens, das Wissen des Nichtwissens, das Nichtwissen des Wissens und das Wissen des Wissens unterschei- det. Oder wie er auch den platonischen Satz, dass Lernen= Erinnern sei, in sein System verar- beitet. 79) Doch— sapienti sat!
Dr. B. Todt.
77) Einleitung zur Platoübersetzung p. 14.— 78) Dialektik§ 238.— 7⁹) Dialektik§ 177.


