Schleiermachers Platonismus.
Sehleiermach er einen Spinozisten nennen zu hören, ist man gewohnt. Auch als Kantianer wird er vielfach aufgefasst, um andere Ableitungen seiner Lehre nicht zu erwähnen. ¹) Merkwürdig, dass so wenig von einem Platonismus Schleiermachers die Rede ist, obwohl man, wie die nachfol- gende Darstellung zu zeigen versucht, offenbar das meiste Recht hätte, ihn grade als Platoniker an- zusehen. Zunächst könnte man fragen, ob nicht diese so verschiedenen Ansichten von der Herkunft seiner Philosophie darauf weisen dürften, dass er vielmehr ein originaler Philosoph sei. Aber Schleier- macher nennt sich selbst einen philosophischen Dilettanten ²) und erklärt anderwärts, ³) dass er nur die historische und kritische Behandlung der Philosophie für seine Aufgabe halte. Wie es nun bei diesem Geschäft ohne Parteinahme nicht wohl abgeht, so sehen wir denn auch Schleiermacher Partei nehmen. Und zwar erklärt er an derselben Stelle, ³) dass ihn die mannigfaltigen Versuche des Alter- tums in dem Gebiete der Philosophie vorzüglich anziehen. Wenn man ihn trotzdem in so enge Be- ziehung zu neueren Philosophen und namentlich zu Spinoza setzt, so ist ja wahr, dass er diesen Mann hoch verehrt. Bekannt ist die Huldigung, die er in den Reden über die Religion Spinoza dar- bringt,¹)»etwas jünglingsartig zwar,« wie er später sagt, aber ohne dass er auch damals etwas daran zu ändern nötig fände. Und auch sonst stossen wir in Schleiermachers Werken auf Stellen genug, die ebenfalls gewissermassen Spinoza dargebrachte Huldigungen sind. 5) Aber es ist doch immer nur der Geist im allgemeinen, der durch Spinozas Denken und Leben weht, den er preist. Dass er sich seiner Lehre anschlösse, kann man gewiss nicht sagen; er steht ihr fast durchweg ablehnend gegen- über. 6) Als Philosophen kann man Schleiermacher nimmermehr einen Spinozisten nennen. Mag es mit dem Theologen anders stehen! Es ist offenbar auch der Theologe Schleiermacher, welcher als Spinozist in Anspruch genommen wird. Schleiermacher soll über Gott, Freiheit und Unsterblich- keit dieselben Ansichten hegen wie Spinoza. Ein paar Worte seien hierüber vergönnt. Was die Unsterblichkeit anlangt, so setzt sie Schleiermacher in den Monologen*) darein, dass sich der Mensch als organisches Glied in dem ewigen System der Kräfte fühle, und das klingt spinozistisch genug;
¹) Vgl. Sämtliche Werke, Abt. I. Band 2. p. 581.— 2²) S. W. Abt. I. B. 2. p. 625.— ³) S. W. Abt. III. B. 3 p. 5 ff.— ⁴) S. W. Abt. I. B. 1. p. 190.— 5) S. W. Abt. III. B. 3. p. 14 ff. u. a.— ⁶) Vgl. z. B. Dialektik p. 608.— ⁷) Vgl. etwa S. W. Abt. III. B. 1. p. 360 ff. 1


