Jahrgang 
1874
Einzelbild herunterladen

24 ist: so schickt uns denn der Hymettos die Strahlen der Abendsonne so zurück, wie die Wolken es thun, nämlich verwandelt in Abendroth. Tiefer indess schon haben sich die Schatten gesenkt drüben auf dem Pentelikon, noch flammt sein Gipfel in Purpur, aber die Abhänge leuchten in wunderbarem veilchenblauem Glanze, während des Parnes waldige Massen schon blauschwarz und düster daliegen. Die goldenen Marmorsäulen der Burg strahlen und glänzen; zitternd umspielt sie, von vielfachen Schatten gekreuzt und gebrochen, das Abendlicht: ist es nicht die Burg des Sonnen-

gottes selbst, wie Ovid sie beschreibt: ».......... sublimibus alta columnis Clara micante auro flammasque imitante pyropo, Cujus ebur nitidum fastigia summa tegebat!«

Aber herrlicher noch strahlt und glänzt das Meer, hier dunkelblau, wo schon die Schatten lagern, dort aber und dort übergossen mit Gold und Purpur: wie die Wellen dahinrollen, so stolz und festlich, so unaussprechlich erhaben, zitternde Gluth, Glanz und Gold ist alles! Die Sonne steht hinter Akrokorinth und der hohen Kyllene, sie in Gold und Feuer tauchend, die ganze Land- schaft ein Bild, gewoben aus Licht und Feuer! Aber sowie die Sonne nun hinter die Felsen gesunken ist in den korinthischen Golf hinab, ändert sich die Scene: schnell und still lagern sich die Schatten der Nacht über die hohen Berge, über die weite Ebene und über das schwärzliche Meer: alles ist vorbei und unser Auge kehrt geblendet zurück zur Alltäglichkeit, die freilich noch schön genug ist. Denn besonders wenn unbestimmter Mondesschimmer daruam webt und spielt, ersteht aufs neue wieder die alte Herrlichkeit der Burg: die Nacht verdeckt die Lücken, die die Zerstörung geschaffen, grösser und zusammenhängend scheinen die Mauern, vollzählig der Säulen- wald; von den Geistern der Nacht für flüchtige Stunden wiedererbaut, steht der Wunderbau da in seiner alten Pracht. Das Geschlecht aber, das ihn geschaffen, scheint uns grüssend die Hand zu reichen, nicht als ein blutleerer Schatten durch den Nebel halbverschollener Zeiten herüber, sondern in lebenswarmer Nähe, mit seinem Geist unmittelbar wirkend auf unsern Geist. Es kann noch nicht so lange her sein, dass es hier gewandelt hat, dies Geschlecht, und es ist ja auch wirklich nicht lange her, denn die Jahrhunderte sind nicht lang, selbst die Jahrtausende sind es nicht, nur uns scheinen sie lang, weil unser Leben so kurz ist!

Unser fast täglicher Gang war in den Oelwald. Attikas Boden ist steinig und wasserarm, nur wenige Wochen im Jahre rauschen Giessbäche von den Bergen herab durch tiefeingewühlte breite felsige Rinnen, euνuαta genannt; auch der Ilissos ist ein solcher Giessbach, sein leeres, mit Felsblöcken übersätes Bett kommt vom Hymettos herab und zieht sich, am panathenäischen Sta- dium und an den Ruinen des Zeustempels vorbei, südlich von der Akropolis nach dem Meere zu. Nur der Kephissos, entspringend aus lebendigen Quellen an den Abhängen des zum Theil bewal- deten Pentelikon, hat das ganze Jahr über Wasser; in seiner Niederung sprosst, mehrere Stunden lang und gegen eine Stunde breit, der Oelwald, noch jetzt Attikas schöuster Schmuck. Wo der Kephissos in den Oelwald tritt, verzweigt er sich so vielfach, dass seine den Oelgarten wässernden hin- und herschweifenden Arme sich schliesslich ganz verlaufen und nur zeitweise ihr Wasser bis ins Meer hinabführen. So war es schon im Alterthum. Wie reizend ist es hier in dem Schatten