Jahrgang 
1874
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Glanzes das Sternbild der Zwillinge, Castor und Pollux, wie hätten uns da die horazischen Verse nicht ins Gedächtniss kommen sollen:

sic te diva potens Cypri

sic fratres Helenæ, lucida sidera,

ventorumque regat pater

obstrictis aliis praeter Japyga! War doch unsere Lage ganz ähnlich der des Virgilius damals, als Horaz ihm Glück zur Reise nach Athen zurief; fuhren doch auch wir hinüber wie er von Brundisium nach dem schönen Griechen- land; steuerten doch auch wir zu auf die freilich von unseren heutigen Schiffern nicht mehr so wie damals gefürchteten»infames scopulos Acroceraunias.

Während eines viermonatlichen Aufenthaltes in Rom, der zum Theil dem Studium der alten Kunst gewidmet war, hatte es von Tag zu Tag mächtiger in mir gerufen: Nach Griechenland! Winckelmann pries noch in begeisterten Dithyramben die Schönheit der mediceischen Venus, des belvederischen Apollo, doch hat man seitdem längst erkannt, dass diese Figuren so wenig wie überhaupt die Mehrzahl der in Italien befindlichen Antiken griechische Originalwerke ersten Ranges sind, sondern römische Nachbildungen, welche sich zu ihren Urbildern ähnlich verhalten wie etwa Virgils Idyllen zu denen Theokrits. Ueber aller römischen Kunst liegt ein gewisser frostiger, verstandesmässiger Hauch, aber in der griechischen pulsirt warmes, reizvolles Leben! Wo wir hier und da in Italien vor Werken stehen, welche ächt griechischer Erfindung noch näher liegen oder gar griechische Originale sind, wie vor dem Reiterdenkmal in Villa Albani, dem Sophokles im Lateran oder gar den Tempeln von Pästum, da ahnen wir erst, dass es noch eine Welt der höchsten Schönheit geben muss: Griechenland! Sind heute auch nur ärmliche Reste der alten Herrlich- keit dort zu finden, so doch zum Glück gerade die Reste des Allerschönsten. Wer die sehen dürfte! Wo aber ein innerer Drang recht mächtig ist, da ergibt sich leicht die äussere Veranlassung: so ging es auch mir. In Professor UÜhlig aus Zürich, mit dem ich in Rom befreundet geworden war, fand ich einen lieben Reisegefährten und so schwammen wir denn selbander, es war im Februar 1870, im ionischen Meere.

Nachdem wir in der engen Koje, so gut es ging, geruht hatten, in Schlaf gewiegt und ge- sungen von den Wellen, die mit leisem, rastlosem Spiel neben unserem Ohr draussen an die Schiffs- wand schlugen, stiegen wir bei Tagesanbruch aufs Deck: da fuhren wir im fahlen Frühlicht in dem schmalen Canal zwischen der Insel Corfùů und der türkischen Küste. Noch wenige Stunden, da rasselten die Anker und wir lagen vor der Stadt Corfu. Ein Blick auf die Karte belehrt uns, dass Kérkyra, lang hingeschmiegt an die Küste von Epirus, etwa 8 geogr. Meilen lang ist; im Norden 4 Meilen breit, wird es nach Süden immer schmäler, in der Hälfte der Ostküste tritt eine kleine Halbinsel nach Osten vor, auf der Nordseite derselben liegt, äusserst malerisch den Berg hinange- baut, überragt von zwei ins Meer nach Osten zu vorspringenden festunggekrönten Felsklippen, die Hauptstadt Kooooue(der Name ist eine Accusativform, woraus die Italiener Corfuů gemacht haben). Die erwähnte Festung ist von den Venezianern, die 400 Jahre lang die Herrscher in diesen Meeren waren, angelegt, von den Engländern bedeutend verstärkt. Auf der Südseite der Halbinsel lag einst,