Bemerkungen zur Geſchichte Alexanders des Großen.
Vier große Gelehrte haben im Lauf der letzten vier Jahrzehnte ihre Anſichten über den wunder⸗ barſten Mann der alten Geſchichte in ausführlicher Darſtellung vorgelegt: Schloſſer(1827), Niebuhr(1826 und 1830 in den Vorleſungen, veröffentlicht 1848), Droyſen(1833), G. Grote(1856). ¹) Die Darſtellung Droyſen's iſt von einer faſt ſchwärmeriſchen Verehrung eingegeben, die Niebuhr's entſchieden feindſelig; Schloſſer hält die Mitte mit einem nach beiden Seiten unbefangenen Urtheil; G. Grote hat in neueſter Zeit verſucht, dasſelbe in die Bahnen Niebuhr's zurückzulenken. Es iſt ihm ergangen wie dieſem, deſſen Dar⸗ ſtellung überdieß unverkennbar der noch friſche Haß gegen die napoleoniſche Univerſalherrſchaft mitbeſtimmt hat; auf dem mühevollen und doch ſtets ſo reizenden Wege durch die griechiſche Geſchichte iſt er gleichſam ſelbſt zum Hellenen geworden und betrachtet, was macedoniſch heißt, mit dem bittern Gefühl eines Atheners der üblen Tage, welcher die philippiſchen Reden des Demoſthenes mitangehört hatte und dreißig Jahre ſpäter den Einzug der macedoniſchen Beſatzung in Athen mitanſehen mußte.
In der That iſt das Werk von Grote geeignet, das klare und wohlgezeichnete Bild, das unter uns ſchon Schloſſer aufgerichtet hat und das uns in allem Weſentlichen noch immer richtig ſcheint, wieder zu trüben und zu verwirren: von Geiſt und Gelehrſamkeit unterſtützt, imponirt ſeine Darſtellung durch eine con⸗ ſequente Parteilichkeit, die auch auf wiſſenſchaftlichem Gebiete einen ſtarken Eindruck zu machen nicht verfehlen kann. Eine Frage insbeſondere iſt von Grote ſehr leicht abgethan, welche uns für eine neue Unterſuchung der Geſchichte Alexanders als die wichtigſte erſcheint— die Frage nämlich, wie weit man bei Alexander neben dem Croberer auch von dem Regenten ſprechen kann, ob ſich bei ihm etwas wie ein Regierungsſyſtem voraus⸗ ſetzen und in beſtimmten Umriſſen nachweiſen läßt.
Wer die Unterſuchung dieſer Frage in derjenigen Ausführlichkeit führen wollte, welche die hiſtoriſche Wichtigkeit des Gegenſtands verlangt, der müßte über reichere literariſche Hülfsmittel verfügen können, als ſie dem Verfaſſer dieſer Blätter im gegenwärtigen Augenblick zu Gebote ſtehen: es wird hier genügen müſſen, einige Umriſſe und Andeutungen zu geben. Wenn Droyſen ſeinem Helden einen großartigen bewußten Plan der„Ineinsbildung von Orient und Occident“ zuſchreibt und jede Stadt und jeden Flecken, der ſeinen Ur⸗ ſprung auf Alexander zurückführt, als ein wohlberechnetes Glied in dieſem weltumſpannenden Plane auffaßt,
¹) Schloſſer, univerſalhiſtoriſche Ueberſicht. I. 3, 91— 376. Niebuhr, Vorträge über alte Geſchichte. Bd. 2, 417— 508. Droyſen, Geſchichte Alexanders d. Gr. Grote, History of Greece. Bd. 12, 1— 369.
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