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All sein Forschen und sein ausgedehntes reiches Wissen stellte er aber vor allem in den Dienst der Schule, Denn zu der natürlichen Begabung, die er als Lehrer besaß, kam warme Begeisterung für seinen Beruf, persönliches Interesse für die von ihm unterrichteten Schüler und volles Verständnis für ihre Neigungen und Bedürfnisse. Sein Herz schlug warm für die Jugend, und diese hing an ihm in Liebe und Verchrung. Er wußte die einzelnen Schüler scharf und richtig zu beurteilen und verfolgte ihren Entwicklungsgang nicht nur während der Schuljahre, sondern auch später mit regstem Interesse, Eine Trennung von seinem Karl Friedrich-Gymnaisum, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, war ihm undenkbar. Mit eiserner Willenskraft führte er sein Amt selbst da noch weiter, als ihn schon die todbringende Krankheit befallen hatte.
Bei solcher Liebe zum Beruf, bei so viel persönlichem Interesse für die Jugend konnte seinem Unterricht der Erfolg nicht fehlen. Er wirkte durch sein reiches Wissen, er wirkte durch sein Lehrtalent, er wirkte auch durch seine eigenen Lebenserfahrungen. In ihm sah die Jugend nicht nur den Gelehrten und den Lehrer, sondern auch den Vertreter einer großen Zeit, der 1866 und 1870 mitgekämpft und das neue Reich mitgewonnen hatte.
Nun ist der tapfere Streiter, der damals wohlbchalten in seine Heimat zurückgekehrt war, nach Gottes gnäâdiger Fügung durch einen sanften Tod allen irdischen Wirren und Fährnissen entrückt und der ewigen Ruhe teilhaftig geworden. Wir aber stehen trauernd an seinem Sarg mit dem Gelôbnis im Herzen, dem Entschlafenen, dessen Name mit dem Karl Friedrich-Gymnasium für immer verknüpft ist, ein treues Gedenken bewahren zu wollen. FHave, cara anima!“
Der Verlust, den die Anstalt durch das Hinscheiden des Professors Kühn erleidet, ist groß und schmerzlich. Vorläufig bleibt die bis zu den Sommerferien 1908 angeordnete Vertretung bestehen, dann wird weitere Entschließung über die Verteilung des Unterrichts getroffen werden.
Eisenach, den 31. Mäarz 1908.
Der Direktor des Grossherzoglichen Karl Friedrich-Gymnasiums
Dr. Paul Koetschau.


