1.
Antrittsrede des Direktors.
Gehalten am 19. April 1898.
Daurch die gnädige Entschliessung unseres durchlauchtigsten Landesherrn und der hohen Staats- regierung an diese Stelle berufen, spreche ich allem andern zuvor meinen Dank aus für das mir geschenkte Vertrauen. Von diesem Danke aber ist untrennbar das Bewusstsein des hohen Masses von Verantwortung, das mir mit dem anvertrauten Amte auferlegt ist. Möge mir Gottes Beistand nicht, fehlen, um, unterstützt von meinen Amtsgenossen, den mannigfachen Aufgaben, die an uns heran- treten, gerecht zu werden.
Jeder Wechsel der Art, wie er sich jetzt hier vollzogen hat, ruft in den Herzen derer, die davon betroffen, naturgemäss eine Mischung verschiedenartiger Gefühle hervor. Über jeder Lösung langjähriger Gemeinschaft ruht ein Hauch der Wehmut. Und so auch hier über der Trennung von einem Manne, der Jahre lang den reichen Schatz seines Wissens in den Dienst dieser Anstalt gestellt hat und dem ich selbst als sein ehemaliger Schüler zu dauerndem Danke verpflichtet bin. Der Ein- tritt eines anderen aber, der zwar der Mehrzahl der Collegen bekannt, aber im Ubrigen dem Ort seiner neuen Wirksamkeit ein Fremdling ist, giebt ebenso leicht dem Zweifel wie der Hoffnung Raum. Möchte weder nach der einen noch nach der andern Seite hin zu weit gegangen werden. Auch nach der letzteren nicht. Denn wenn zu irgend einer Zeit, so ist es gegenwärtig schwer, die überlieferten Formen gymnasialer Bildung mit den Forderungen und Strömungen der Zeit in Einklang zu halten.
Wir leben in einer Zeit des Übergangs, und manche meinen, dass mit der Wende des Jahr- hunderts, der wir mit raschen Schritten entgegen eilen, ein neues Zeitalter staatlicher und geselliger Ordnung und damit auch eine gründliche Umgestaltung aller Bildungsformen anheben werde. Schonm seit einer Reihe von Jahren ist das Rad der Schulreform in lebhaftem Umschwung. Die LZeiten werden andere. Neuer Inhalt ringt nach neuen Formen. Dem geänderten LZeitgeist gegenüber kann auch das Gymnasium nicht unbedingtem Stillstand huldigen. Es hat das Mass des klassischen Unter- richts um etwas eingeschränkt und die Art des Betriebes in einigen Punkten geändert. Aber noch behaupten sich die klassischen Studien im Mittelpunkt des gymnasialen Unterrichts und, täusche ich mich nicht, so werden sie es auch ferner thun. Denn diese Studien hängen so eng mit der Grund- lage aller wahren höheren Bildung zusammen, dass das deutsche Volk sie als Bildungsmittel nicht aufgeben kann, ohne sich selbst, wenn nicht aufzugeben, so doch herabzusetzen.
Von diesen inmitten alles Wechsels bleibenden Grundlagen des gymnasialen Unterrichts und den damit zusammenhängenden Forderungen, treibt es mich, in dieser Stunde mit Ihnen zu sprechen.


