Jahrgang 
1870
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zur Geschichte der Theorie des Regenbogens.

Von Professor Alfred Kunze.

TInter allen Erscheinungen in der Natur ist wohl keine, die einen so friedlichen, wohl- thuenden Eindruck der Ruhe auf den Beschauer macht, die wie durch einen Zauberschlag hervor- gerufen, ohne sichtbare Vorbereitung plötzlich am Firmament sich zeigt, als jener herrliche Bogen, der seiner unvergleichlichen Farbenpracht wegen schon im frühesten Alterthum als das Bundes- zeichen, ¹) das der Schöpfer zwischen sich und den Menschen errichtet habe, bewundert wurde. Licht und Wasser liefern das Material zu der ätherischen Himmelsbrücke, ²) auf der nach der Poesie der Griechen die Götter zur Erde herabsteigen; tausend und abertausend Tropfen müssen hernieder- fallen, von den Strahlen der Sonne beschienen, und in dieser ununterbrochenen Bewegung, bei welcher die Tropfen nur einen Augenblick die unbegrenzte Farbenreihe dem Auge darbieten, zaubert uns die Natur nach ewigen Gesetzen ein Bauwerk hin, welches die kühnsten und zier- lichsten an Grösse und Zartheit übertrifft.

Es hat deshalb auch bei den Alten die Schönheit dieses Bogens zu mancherlei Erdichtungen Veranlassung gegeben und nie hat man ihm einen nachtheiligen Einfluss, sondern immer eine wunderbare Kraft zugeschrieben. Ambrosischer Duft soll den Gewächsen entströmen, in deren Um- gebung der farbige Bogen mit seinem Fusse die Erde berührt ³) und goldene Schüsselchen(Patellæ iridis) sollen seinem glänzenden Schoosse entfallen. 4)

¹) J. Mos. 9. ²) Der Dichter Kalidasa schreibt(Uebersetzung von Lobedanz): Der König Purüravas, dem seine Braut entführt worden, setzt einer Wolke nach, die er für einen Dämon hält, der seine Braut entführt, und spricht Folgendes, als er seinen Irrthum gewahr wird: Es war kein Dämon! Eine Regenwolke Die holde Botin kühler Jahreszeit! Es war kein Bogen eines wilden Kriegers, Nein, Indras siebenfarb'ger Bogen selbst! Was ich zu sehen glaubt in seinem Arm, So glänzend Urvasi, es war ein Blitzstrahl. Als Purúravas seine himmlische Königin Urvasi wiedergefunden hat und zurückkehrt nach Allahabad, heisst es: Die junge Frühlingswolke sei ein Wagen, Mit frischen Blitzesflammen statt des Banners! Er möõöge über Indra's Himmelsbrücke Uns schaukelnd tragen zu des Ganges Flut!

²¹) Plin. Hist. nat. XII, 24. 52. ed. Sillig. Tradunt, in quocunque frutice curvetur arcus cœlestis, eandem,

quæ sit aspalathi, suavitatem odoris existere, sed si in aspalatho, in enarrabilem quandam. Plut. Quæst. conv. IV, 2. ) Bezieht sich auf eine alte deutsche Münze, die man zuweilen findet.