Zur Geschichte und CharaFferistik Franz I. von Frankreich.*
Zwei Monate nach Heinrich VIII. von England, am 31. März 1547, starb, im 52. Lebensjahre, König Franz I., dem das besonnenere Urtheil späterer Zeit den unverdienten Beinamen des Grossen wieder abgesprochen hat. Napoleon sagt von ihm bei Casas V. 253:„il n'était après tout qu'un héros des tournois, un beau du salon, un de ces grands hommes pygmées“. Seine Kriege gegen Kaiser Karl, die er meist muthwillig, leichtfertig anfing, kosteten Ströme Blutes und endigten ohne irgend einen Vortheil für sein Volk. Als er in der Schlacht bei Pavia, 24. Febr. 1525, gefangen worden war, rieth Karls Beichtvater Garcia von Osma ihm grossmüthig die Freiheit zu schenken, Mercurin Gattinara dagegen, zuvor ihn so zu schwächen, dass er nicht mehr zu fürchten sei. Das waren die Rathschläge, die einst der weise Herennius seinem Sohne gab, der in den Caudinischen Pässen das römische Heer in seiner Gewalt hatte. Franz aber wurde nach Spanien gebracht und beschwor endlich die harten Bedingungen des Madrider Friedens, 14. Januar 1526, auf das Evangelium, auf Ehre und Königswort, um sofort eid- brüchig zu werden und den Krieg von Neuem zu beginnen. Auch nachdem er sich im Jahre 1530 mit Karls Schwester Eleonora vermählt hatte, führte er noch zweimal mit seinem Schwager Krieg und schämte sich nicht, allen christlich-politischen Grundsätzen zum Hohne, mit dem türkischen Sultan Suleiman II. einen Bund zu schliessen. Kaum achtungswerther erscheint Franz in der Regierung seines Landes, um die er sich überhaupt erst dann bekümmerte, als sein durch eigene Schuld zerrütteter Körper zu grösserer Besonnenheit, zu grösserm Ernst zu mahnen anfing. Franz hatte mit Heinrich VIII. wie manche andere schlimme Neigung, so auch die zu unumschränkter Herrschergewalt gemein, und wie jener in dem Cardinal-Legaten Wolsey, so fand er in seinen despotischen Bestrebungen alle Unter- stützung bei seinem Minister, dem Kanzler, seit 1530 ebenfalls Cardinal-Legaten, Du Prat. Dieser liess keine Gelegenheit unbenutzt, das Parlement von Paris, wie man den obersten Gerichtshof nannte, welches bisher eine heilsame Schranke königlicher Willkür gewesen war, in seinem Ansehen zu untergraben und zu demüthigen, gerade wie Wolsey das Englische Parliament zu knechtischer Unterwürfigkeit herabge- drückt hatte. Beide Ehrenmänner verstiegen sich endlich gar noch so weit, mit der päpstlichen drei- fachen Krone ihre ehrgeizigen Häupter schmücken zu wollen, Beide aber traf, ehe sie ihr Ziel erreicht hatten, die verdiente königliche Ungnade, die sie Beide nicht lange überlebten. Kaiser Karl war immer erkenntlich für geleistete Dienste, König Franz kannte Dankbarkeit, diese schönste Tugend einer edlern Seele, nicht, oder sie war in ihm abgeschwächt zu einer schnell verrauchenden Empfindung. Den red- lichen Schatzmeister Semblençai, den er sogar Vater zu nennen pflegte, schützte er nicht vor seiner Mutter Luise von Savoyen, die den greisen Mann hinrichten liess. Sie war es auch, die den grossen
Aus einer Abhandlung über Karl V. und dessen Zeitgenossen, die für den engen Raum etwas zu umfänglich aus- gefallen war.— Der Abschnitt über Literatur kann als Fortsetzung einer Schulschrift vom Jahre 1861 über die mittel-- alterlichen Schauspiele Frankreichs angesehen werden. Zu weiterer Belehrung ist lernbegierigen Schülern besonders zu empfehlen die trefffiche Entwickelungsgeschichte der französischen Tragödie von Adolf Ebert. Ausserdem sind unter Andern benutzt worden: Geschichte Franz I. von Gaillard. Paris 1769., von Varillas. A la Haye 1684., von Böttiger: Weltgeschichte in Biographien. 5. Band. Berlin 1842. Göthes Benvenuto Cellini. Histoire du Calvinisme par M. Maimbourg. A Paris 1682. Tableau de la Poésie Française au XVle siècle par Sainte-Beuve. Paris 1843. Noch ist zu erwähnen, dass die längeren Beweisstellen zugleich als Stilproben gelten sollten.


