Jahrgang 
1866
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Nachstehende Sitten, Gebräuche und abergläubische Meinungen gehören, wo nicht ein anderer Heimathsort genannt ist, der Umgegend von Eisenach und dem nächsten Werrathale an, sind dort in den Ortschaften der Aemter Eisenach, Gerstungen, Vach und Tiefenort ziemlich allgemein gekannt und im Andenken des Volkes noch lebendig. Ich habe sie gröstentheils nach mündlichen Mittheilungen selbst gesammelt, auch einige schriftliche Beiträge erhalten, welche das bereits Ge- sammelte meist bestätigt oder noch in andern Ortschaften jener Gegend nachgewiesen, auch durch einzelne neue Züge bereichert haben. Wo eine gedruckte Quelle von mir benutzt worden ist, habe ich dieselbe genannt und angeführt.

Der Raum, auf welchen meine Mittheilungen sich hier beschränken müszen, gestattet nicht, den einzelnen Sitten und Bräuchen erklärende Anmerkungen beizufügen. Ich wollte nicht den einen oder andern Brauch herausheben und eingehend besprechen, sondern lieber eine Reihe solcher Volks- thümlichkeiten aus unserer nächsten Umgebung vorführen und durch diese kleine Stofflieferung darlegen, wie viel uralter Brauch und Glaube, von der vorchristlichen Feier und Heiligkeit der Wintersonnenwende, der Frühlings- und Sommerfeste, dem heidnischen Herbstopfer oder Erntefeste abstammend, auf dem kleinen von mir durchzogenen Gebiete noch zu hören und zu sehen war und gewissermaszen eine Religion für den ganzen niedern Hausbedarf bis auf die jüngste Zeit herab gebildet hat. Wie es hier in unserer Nähe mit diesen Dingen bestellt ist, so ist es auch anderwärts. Und sicher kann derjenige, welcher auf diese Culturüberreste der frühesten Zeit achten will, auch in andern Gegenden von Thüringen noch viel ungekanntes und werthvolles Material zum Ausbau der deutschen Mythologie auffinden. Und ich möchte allen, die mit dem Volke im steten Verkehr stehen und dessen Brauch und Weise vor Augen haben, die Ansammlung der volksthümlichen Sitten, Gebräuche und Meinungen in den einzelnen Ortschaften und Gegenden des Thüringer Landes im Interesse jener Wissenschaft aus Herz legen. J. Grimm sagt:Das, wodurch unsere deutsche mytho- logie eigentlich grosz gezogen scheint, von woher ihr noch reiche aufschlüsze bevorstehen, ist die früher hintangesetzte und unterlaszene samlung von volkssagen und gebräuchen, deren zähe lebens- kraft unglaublich lange widerſtanden hat, jetzt aber zu weichen droht, wenn ihr nicht angeſtrengte aufmerkfamkeit zu theil wird. wer es mit einfachem sinn und treuem fleisz verrichtet, dem pflegt auch glück zur seite zu ſtehen und mitten unter dem geschäft auge und ohr für alles geschärft zu werden, was an dem oberflächlichen und unbeholfenen samler vorühergeht.

Advent, Weihnachten und Dreikönigstag.

1. Von jenen uralten, durch ganz Deutschland gekannten, kindererfreuenden und kinder- erschreckenden Weihnachtsgestalten, welche in der Dämmerung der Adventabende und zwölf Nächte unter allerlei Namen umherschleichen, haben in Thüringen der Herscheklas, Knecht Ruprecht und das Christkindchen ihr Dasein und Leben, wenn auch abgeschwächt und ermattet, noch an vielen Orten gefristet. In der Umgegend von Eisenach, im Werragrunde und auf der Rhön hält der Herscheklas(St. Nicolaus) oder der Knecht Ruprecht am Nicolausabende theils allein, theils vom Christkindchen begleitet, seinen Umgang. Der Herscheklas war oder ist gewöhnlich in einen umge- kehrten Schafpelz oder vom Kopf bis auf die Füsze herab in Erbsstroh gehüllt, hat eine erschreck-