Jahrgang 
1862
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.; N8 1 h Der Winterſchlaf der Thiere. S

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Betrachtet man die Natur im Einzelnen, vergleicht man einen Organiſmus mit dem andern, ſo treten die Unterſchiede um ſo klarer und deutlicher hervor, je höher der Organiſmus in ſeiner Entwickelung ſteht; ſie ſind aber um ſo feiner und deshalb um ſo ſchwieriger herauszufinden, je tiefer die Stufe iſt, auf welcher ſich derſelbe befindet. Faßt man hingegen die Natur im großen Ganzen auf, ſo treten die Unterſchiede immer mehr und mehr zurück; in ſanften Uebergängen führt ſie von der niedrigſten Form bis zur höchſten Vollendung die großen wunderbaren Werke aus. Unvermerkt windet ſich das thieriſche Leben aus dem Nebel heraus, der zwiſchen dem Pflanzen⸗ und Thierreich hin und her wogt und merkwürdig! in dem ſtrahlenförmigen Gewand, mit welchem die Pflanze in ihrer höchſten Entwickelung als Blüthe geſchmückt iſt, in eben demſelben läßt das Thierreich ſeine erſten Geſtalten erſcheinen, ſo daß dieſes da anfängt, wo das erſtere aufhört. Aber eine gäh⸗ nende unüberſchreitbare Kluft ſcheint Leben und Tod von einander zu trennen. Wer denkt nicht gleich bei dem letzten Worte an ewige Ruhe, oder bei Bewegung der einzelnen Stoffe, an chaotiſches regelloſes Wirken der⸗ ſelben ohne obere Leitung, Alles hinführend, um das Werk der Zerſtörung ſchnell zu vollenden. Und Leben, jener ewige Verjüngungsact, welche ganz anderen Vorſtellungen ruft dieſes hervor. Gebrauchte Stoffe ab⸗ ſondern und andere dafür aufnehmen, Bildung neuer Gewebe und Erhaltung der früheren, fortwährendes Abſterben und fortwährendes Aufleben, das ſind die Hauptbedingungen für Geſundheit und Wohlbefinden des Organiſmus. Nimm der Pflanze den Boden, aus dem ſie ihre Nahrung ſaugt, und du entziehſt ihr eine der Hauptbedingungen ihrer Exiſtenz; verhindere das Thier am Athemholen, ſein Blutumlauf hört auf, der Ver⸗ jüngungsact iſt zu Ende, die Auflöſung beginnt. Ja, wenn man ſo Leben und Tod einander gegenüberſtellt, ſo kommt man zu dem Schluße, daß eine unüberſchreitbare Kluft zwiſchen beiden beſteht. Es wird ſich jedoch auch hier zeigen, daß wenn man das Auge nicht auf einzelne Fälle, ſondern auf die Natur in ihrem ganzen Umfange richtet, der Schluß als etwas voreilig zu betrachten iſt. Das Maß der Thätigkeit iſt oft ſehr ver⸗ mindert und hört endlich ganz auf, ohne daß behauptet werden kann, der Tod ſei die Folge davon. Und auch mitten im Winter, dem die Poeſie das Leichengewand andichtet, erhält die ewig ſchaffende Kraft der Natur das ſchlummernde Leben unter demſelben, bis die liebliche Frühlingsſonne den erſtarrten Gliedern wieder Bewegung verleiht.

Ich werde daher im Folgenden Einiges mittheilen über die Erſcheinungen des Winterſchlafes auf den verſchiedenen Thierſtufen, über den Zuſtand der Organe der Winterſchläfer und über die Urſachen und Be⸗ ſtimmungen des Winterſchlafes.

Betrachten wir zuerſt die Uranfänge des thieriſchen Lebens, ſo haben zwar neuere Verſuche beſtätigt, was Leuvenhök zuerſt beobachtete, daß Räderthierchen im Schlamme einer Dachrinne ganz vertrocknen konn⸗ ten und wie die kleinen Weizenälchen im brandigen Getreide und die Kleiſter⸗ und Eſſigälchen ſpäter bei Be⸗ feuchtung ſich wie früher zu bewegen begannen; doch iſt dieſe Lebenszähigkeit, die wohl mehr auf die Eier als auf die Thiere zu erſtrecken iſt, als eine nicht regelmäßige nicht geeignet, einen Winterſchlaf erkennen zu laſſen.

*) Nachfolgende Zeilen enthalten die etwas weitere Ausführung eines Vortrages, den der Verfaſſer im vergangenen Winter in einem hieſigen wiſſenſchaftlichen Vereine gehalten hat. Der Sachkundige wird zwar im Weſentlichen keine neuen Forſchungen und Reſultate niedergelegt finden; für das größere Publikum und die Schüler glaubtjedoch der Verfaſſer durch Veröffentlichung des

Folgenden nicht etwas Unintereſſantes geboten zu haben. 8 *b 1. Omfaslmn

K. a