Die Sammlung der Märchen und Sagen ſowie der Volksſitten, Feſte und Gebräuche, ihre Zuſammen⸗ ſtellung, Vergleichung und Ergänzung, die Abſonderung der unweſentlichen Beſtandtheile, ſpätern Einkleidun⸗ gen und bedeutungsloſen Hüllen von dem eigentlichen Kerne, der mythiſchen Unterlage,— dieſe eben ſo frohe als lohnende Beſchäftigung iſt ſchon ſeit geraumer Zeit zu ihrem verdienten Rechte gelangt und eingetreten in den Kreis wiſſenſchaftlicher Arbeit und ſorgfältiger Forſchung. Man hat den Werth dieſer Traditionen erkannt und ſchätzt in ihnen Urkunden, Zeugniſſe und Ueberreſte aus dem Leben, Glauben und Denken unſerer älteſten Vorfahren, der noch heidniſchen Germanen, werthvolle Bauſteine zur Gründung und Aufführung ihrer Kultur⸗ und Sittengeſchichte. Insbeſondere hat das Gebäude der deutſchen Mythologie, wie es J. Grimm in ſeiner Pracht und Wunderherrlichkeit, wenn auch nicht ganz vollendet und hier und da noch der Ergänzung und des Ausbaues bedürftig, vor unſere ſtaunenden Augen hingeſtellt hat, aus dieſen Fundgruben reiches Material ent⸗ lehnt und noch immer werden demſelben zur Feſtigung und Stütze, zur Erweiterung und Ausſchmückung aus eben dieſen Gruben, die überall rüſtig angebrochen und geöffnet werden, brauchbare Beiträge zugeführt. In den Märchen und Sagen ſind Mythenreſte geborgen, Bruchſtücke aus der Geſchichte des Glaubens und Den— kens unſerer Urväter, freilich nicht mehr in ihrer urſprünglichen Geſtalt, Reinheit und Unmittelbarkeit erhalten, ſondern theils abgeändert und umgebildet, theils aus ihrem Zuſammenhange geriſſen und zerbröckelt unter den zerſetzenden Einflüſſen der vorſchreitenden Kultur, vorzüglich unter den mächtigen und folgereichen Einwirkungen des vorgedrungenen Chriſtenthums, aber auch ſelbſt in dieſer verjüngten, getrübten, trümmerhaften Geſtalt, in ihrer Abgeriſſenheit und Zerbröckelung noch auffällig genug, um von ſchärfer blickenden Augen erkannt und in ihrer wahren Bedeutung erfaßt zu werden. Dagegen haben ſich die Erinnerungen an den Kultus in Volksfeſte, Sitten, Gebräuche und in das unüberſehbare Reich des Aberglaubens geflüchtet und mit unglaublicher Zähig⸗ keit bis auf unſere Zeit herab darin verhalten. Dieſe Thatſache ſteht außer allem Zweifel, und wer den lan⸗ gen Kampf zwiſchen der Kirche und dem germaniſchen Heidenthum kennt, der heute noch nicht völlig ausge⸗ kämpft iſt, wird ſich nicht wundern, daß in dieſen Gebräuchen das Alte noch lange nachzuckte und daß ſich deſſen Herzſchläge zuweilen noch ſtark heben und kundgeben.
Dem Urſprunge und der Bildungsgeſchichte unſerer Sagen und Märchen wollen wir jetzt nicht weiter nachgehen; nur wenige Worte noch über Gebräuche und Volksſitten. Als das Chriſtenthum auf germaniſchem Boden angepflanzt wurde, richteten die Glaubensboten ihr Augenmerk zunächſt auf die heidniſchen Kultusſtätten, Opferplätze und Feſtgebräuche. Dieſe zu beſeitigen war ihr Sinnen und Streben. Sie gaben denſelben eine chriſtliche Beſtimmung, indem ſie an den alten Kultusſtätten Gott und den Heiligen Kirchen und Kapellen er⸗ richteten, die Götter und ihr Walten auf chriſtliche Heilige übertrugen und die Götterberge in Heiligenberge verwandelten. Daß man dem Heidenthume in dieſer ſchonenden und allein zuläſſigen Weiſe begegnete, dieſes Verfahren bereitete der neuen Lehre allerdings einen leichtern Eingang, dem Heidenthum aber noch keineswegs ein Ende. Das Volk hielt wider Erwarten feſt wie an ſeinem alten Glauben, ſo an ſeinen Bräuchen und fro⸗ hen Feſten. Auch ließ die Kirche die minder anſtößigen Gebräuche und Feſtgewohnheiten mit kluger Nachſicht noch gern beſtehen und begnügte ſich, ihnen eine chriſtliche Deutung und kirchliche Beziehung zu geben. Ein Brief Gregors des Großen empſiehlt dieſes Verfahren den Bekehrern der Angelſachſen*). Und dieſer Schonung
¹) In dieſem wichtigen Zeugniſſe, einem Briefe an den Abt Mellitus[Epist. lib. XI, 76] heißt es:„et quia boves solent in sacriſicio daemonum multos occidere debet his etiam hac de re aliqua solemnitas immutari; ut die dedicationis vel nata- litiis sanctorum martyrum quorum illic reliquiae ponuntur, tabernacula sibi circa easdem ecclesias, quae ex fanis com- mutatae sunt, de ramis arborum faciant et religiosis conviviis solemnitatem celebrent. nec diabolo iam animalia immolent
1


