Jahrgang 
1857
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Manifeſtationen dieſes im Schooße der Kirche entſtandenen Conflikts. Einen überzeugenden Beleg liefert das 1322 im April von den Dominikanern öffentlich aufgeführte Myſterium von den thörigten und klugen Jung⸗ frauen. In dieſem erſchütternden Drama 3) werden im ſchroffen Gegenſatz zu den herrſchenden Anſichten der Kirche 3 Sätze getadelt: 1) daß es noch in den letzten Stunden des Lebens Zeit ſei, ſich zu bekehren(S. 17. 21 f. 23. 26. 29. 30.), 2) daß die Fürbitte Maria's und der Heiligen von der Verdammniß erlöſen könne,(S. 23. 24. 26 f. 28. 30 f.,) 3) daß Ablegung der Kloſtergelübde nach einem leichtſinnigen Leben, Spenden, Ga⸗ ben, Seelmeſſen u. dgl. ſelig machen(S. 18. 31 f.). Man darf nicht glauben, daß die Auslaſſungen gegen die mißbräuchlich eingeriſſenen herrſchenden Anſichten der Kirche Ausflüſſe des Geiſtes waren, der in dem Or⸗ den der Dominikaner zu allen Zeiten und an allen Orten geherrſcht hätte, oder daß die Dominikaner walden⸗ ſiſchen Auffaſſungen geneigt geweſen wären. Es giebt keine allgemeinen für den ganzen Orden gültigen Glau⸗ bensvorſchriften, ſondern wir nehmen nach Zeit und Ort verſchiedene Anſichten wahr. Man denke nur an den Gegenſatz, welcher zwiſchen dem beſchränkten dreiſten dominikaniſchen Ablaßkrämer vor dem Beginn der Refor⸗ mation und dem frommen ächtevangeliſchen Predigermönch in der Mitte des 13. Jahrhunderts ſtattfindet, oder an den Gegenſatz zwiſchen dem heißblütigen ketzerverfolgenden ſpaniſchen und italieniſchen Dominikaner und dem einfachen deutſchen Seelſorger, welcher unter Entbehrungen aller Art herumwandert, um das Evangelium zu verkündigen. Ebenſowenig darf man glauben, daß das fragliche Stück nur eine Polemik der Dominikaner ge⸗ gen die Franziskaner enthalten ſollte*), denn einzelne tüchtige Franziskaner ſprachen in ähnlichem Sinne, z. B. der treffliche Berthold von Regensburg. Das Drama enthält vielmehr eine Polemik gegen die Anſichten des ganzen Clerus der Stadt Eiſenach. Die Säkulargeiſtlichen und die anderen Klöſter unſerer Stadt huldig⸗ ten nicht ohne ihren eigenen Vortheil der laxeren Auffaſſung der Kirche, daß der Menſch ohne eigene Anſtrengung, durch Fürbitte der Heiligen, Seelgeräthe, ſpäte Buße u. ſ. w. ſelig werden könne. Die Domini⸗ kaner traten aber dieſen Sätzen kühn entgegen, 1) weil dieſer Orden in Deutſchland damals noch, wenigſtens theilweiſe, von dem evangeliſchen Geiſt beſeelt war, den die beiden Dioskuren des Ordens Albertus Magnus und Thomas v. Aquino erweckt hatten. Von dieſem Geiſte legen die Nachrichten über den erſten Prior, Graf Elger, ein glänzendes Zeugniß ab, der ſich in vielen Stücken gegen die Mißbräuche der Kirche erklärte(ſ. oben S. 12) und daß ſolche Lehren bei den Laien damals nicht ohne Früchte blieben, zeigt das fromme aufopfernde Wirken der h. Eliſabeth. Dazu kommt ein zweites Motiv, nemlich, daß gerade in jener Zeit der Streit über die Paſtoralbefugniſſe der Dominikaner am lebhafteſten entbrannt war, nachdem Clemens V. die beſchränkenden Beſtimmungen von Bonifacius 1311 wieder eingeſchärft hatte, ſ. S. 7. Jetzt lag es den Dominikanern ob, ihre be⸗ drängte Sache zu vertheidigen und das Volk dafür zu gewinnen, was nicht beſſer geſchehen konnte, als wenn ſie zeigten, daß ſie würdiger als die anderen Geiſtlichen ſeien, die Seelſorge zu verwalten. Durch dieſe Ver⸗ pflichtung wurden die Dominikaner, auch wenn ſie nicht ſchon an ſich einen beſſern Geiſt gehabt hätten, auf die Bahn der Oppoſition gedrängt und ſie irrten ſich nicht in der Eigenthümlichkeit des Volkes, wenn ſie hoff⸗

und Geiſtlichen) gewaltſam vertrieben. Dieſelben Scenen wiederholten ſich 1319 und erſt der dritte Verſuch gelang 1330. Krömeck e, das Domkloſter in Dortmund S. 6 ff. ſ. daſ. S. 24, wo ein Prieſter in Unna predigte, daß man die Almoſen beſſer den Hunden als den Mönchen gebe. v. Raumer, S. 614 f. Sagittarius, hist. Gothana. Iena 1713. S. 227 f.(Klagen der Geiſtlichkeit zu Gotha 1410 über das unbefugte Predigen der fremden Terminarier und die betreffende Ent⸗ ſcheidung des Erfurter Officialis.) Dieſelben Beſchwerden hören wir von Frankreich und England, ſ. Matthaeus v. Pa- ris, hist. mai. zum Jahr 1243, 1246, 1257. Lond. 1640. S. 612, 639, 693 f. Schröckh, Kirchengeſch. XXVII, S. 448 ff. Mit beſonderer Vorliebe ſammelte Hospinianus die Klagen über die Dominikaner und Franziskaner S. 260 ff. und vorher. Daſelbſt iſt auch die der h. Hildegard, der prophetiſchen Aebtiſſin des Rupertskloſters bei Bingen, fälſchlich zu⸗ geſchriebene Weiſſagung mitgetheilt, welche die Stimmung des Clerus gegen die Dominikaner auf das ſchärfſte ausſpricht.

39) Herausgegeben von Bechſtein, das große thüring. Myſterium. Halle 1855, und behandelt von K. H. Funkhänel, über das geiſtliche Spiel von den zehn Jungfrauen. Weimar, 1855.

40) Bechſtein, a. a. O. S. 74 f.