Das ſind die drei Molltonleitern unſerer neueren Muſik, welche am häufigſten gebraucht werden.
Ohne uns nur im Geringſten plagen, drehen und winden zu müſſen, wie nach Weber's Aus⸗ ſpruch*) Rameau, d'Alembert, Marpurg u. A. gethan haben ſollen, könnten wir leicht noch eine vierte Molltonleiter aufſtellen, wenn wir der Quarte d den Durakkord und der Quinte e ſo wie der Prime A den Mollakkord gäben; da ſie aber in unſerer neuern Muſik außerſt ſelten vorkommmen mag,**) überlaſſen wir ihre Ausführung dem Leſer. Nur über die verſchiedenen Wir⸗ kungen, welche die Dur- und Molltonarten auf unſer Gemüth machen, wollen wir noch Einiges hin⸗ zufügen, was ſich aus der Theorie der Tonintervalle erklären läßt.
Wenn die Durtonarten alleſammt unſer Gemüth freudig erregen, noch mehr erheitern, mit Zufriedenheit zum Genuß der Gegenwart beſtimmen und mit feſter Zuverſicht in die Zukunft ſchauen laſſen, ſo kann der Grund dieſer Erſcheinungen nur darin gefunden werden, daß das, was allen Dur⸗ tonarten gemeinſchaftlich und eigenthümlich iſt, die Urſache jener Wirkungen ſein muß. Das ſind die Intervalle durch zwei ganze Töne vom Grundton zur großen Terz, und von dieſer zur Quinte durch einen halben und einen ganzen Ton, und noch bis zur Oktave durch zwei ganze und einen halben Ton. Wenn aber die Molltonarten davon das Gegentheil bewirken, indem ſie unſer Herz unzufrieden ſtimmen, traurig machen, die Sehnſucht nach einer beſſeren Inkunft und höheren Vollkommenheit er— regen und unterhalten, ſo müſſen auch die Urſachen, welche hierbei zu Grunde liegen, jener der Dur⸗ tonarten gerade entgegengeſetzt ſein und allen Mollakkorden gemeinſchaftlich zu kommen. Das iſt in der That der Fall, weil die Intervalle der Molltonarten gerade die Umkehrungen zu denen der Dur⸗ akkorde bilden. Unſere Behauptung wird alſo wohl ganz richtig ſein und das Weſentlichſte des Un⸗ terſchiedes zwiſchen Dur und Moll in den verſchiedenen Lagen der großen und kleinen Terz im Ver⸗ hältniß zu Grundton, Quinte und Oktave geſucht werden müſſen, was auch die praktiſche Muſik hin⸗ reichend beſtätigt. Wir können aber hier theoretiſch noch viel weiter, ins Einzelne gehen und be— haupten, daß den nach Grad und Art verſchiedenen Gemüthszuſtänden des Schmerzes und der Trauer, der Unzufriedenheit mit der Gegenwart und der Sehnſucht nach der Zukunft die Stufenfolge der Moll⸗ tonarten entſpricht, wobei die tiefſte Trauer und der herbſte Schmerz der Normal⸗Molltonleiter zu⸗ fommen, gelinderer Schmerz, traurige Theilnahme und Mitleid durch melodiſch verbundene Harmonien der einmal geſchärften Moll⸗Leiter vertreten werden, bis daß die Harmonien der doppelt geſchärften Leiter den Uebergang zum gelindeſten Grad des Schmerzes und des ſehnenden Verlangens erreichen, aber am Ende die volle Befriedigung in leichten Uebergängen auf ſanfte Harmonien der Durtonart wieder gegeben werden kann. Selbſt in der Zwiſchenzeit vorkommende Wechſelzuſtände unſerer Ge⸗ müthsbewegungen zwiſchen Freude und Trauer, Luſt und Schmerz, Hoffnung und Furcht, und andere Gegenſätze laſſen ſich durch das Widerſpiel zwiſchen Dur und Moll in melodiſch harmoniſchen Ton⸗ verbindungen geben und empfinden, und gerade hier bietet uns die Natur im Verein mit der Kunſt ein Mittel zur Darſtellung und Unterhaltung unſerer tiefſten, innerſten Seelenzuſtände, die wir mit bloſen Worten gar nicht auszudrücken und anzuſprechen im Stande wären.
8¹) Weber a. a. O.§. X. Anmerk.*⸗) Ebendaſ. II. Lief.§. 331 und IV. Lief.§. 582.
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