Aufsatz 
Pestalozzi als Mensch, Staatsbürger, Dichter und Erzieher, mit seinen eigenen Worten geschildert, Lesefrüchte aus seinen Werken / von J. F. E. Meyer, Rector
Entstehung
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ſeines Maulbrauchens und ſeiner Herzloſigkeit. Er will alles nur erklären und wörtlich heiter machen(verſchönern und mit Worten aufputzen), ohne es zu Herzen zu nehmen, und ſolche Sprüchlein paſſen gar nicht in die Wortbrühen und Kunſtformen dieſer herzloſen Erklärungsſucht, welche die Lebensquelle des reinen Mutterwitzes, der das Weſen aller Anſchauungs⸗Eindrücke ſo geiſt- und kraftvoll ausdrückt, untergraben und abſchwächen und den Menſchen zu dem in ſtiller Lebendigkeit herrſchenden Geiſt eigentlich unfähig machen. II. 77. f.

Gertrud ſagte: die Mutter oder der Schulmeiſter muß für das Kind nicht das ein wol⸗ len, was er oder ſie ſelbſt gern iſt, ſie müßen ihm beide auch nicht das geben wollen, was ſie für ſich ſelbſt gern haben und nicht das für es ſein wollen, was ſie gern für daſſelbe ſeien. Ich darf z. B. mein Kind nicht kochen lehren, weil ich ſelbſt gern koche; aber wenn mir das Kochen auch die allerunangenehmſte Arbeit wäre, ſo müßte ich das Kind doch kochen lehren, weil es ihm nothwendig iſt, daß es kochen könne. IV. 118. f.

Ein erzdummer Junge konnte ganze Kapitel von der Bibel auswendig und wollte(dem neuen Schulmeiſter) den 99. Pſalm auswendig ſagen; aber er ſprach beinahe kein einziges Wort richtig aus, und ſo wie er es ausſprach, hatte kein einziger Vers einen menſchlichen Sinn. Stolz über das Auswendigkönnen des großen Pſalms, machte er denn noch ein Geſicht dazu, daß man nicht ſagen konnte, ob die Unverſchämtheit, oder die Dummheit mehr daraus hervorguckte. Aber der junge Schulmeiſter konnte es nicht mehr ausſtehen; er hieß ihn endlich ſchweigen und ſagte ihm: das, was du mir vorſagſt, iſt nicht der 99. Pſalm. Wohl freilich, erwiderte der Bube, wohl freilich iſt das der 99. Pſalm, Herr Schulmeiſter! Dieſer antwortete: ja, wie er gedruckt iſt, aber ſo wie du ihn ausſprichſt, iſt er es nicht. Er iſt, ſo wie du ihn ausſprichſt, lauter Un⸗ ſinn, und du hätteſt beßer gethan, du hätteſt den Eulenſpiegel ſo auswendig gelernt, wie du die⸗ ſen Pſalm auswendig ſagſt. Der Bub antwortete ganz unbefangen: Herr Schulmeiſter, ich kann ihn auch, wenn ihr wollt, ſo will ich auch etwas davon aufſagen. Der Schulmeiſter hatte kaum jenes(fatale Wort vom Eulenſpiegel) geſprochen: ſo flüſterte ein Kind ſeinem Nachbars⸗ kind ins Ohr: haſt du auch gehört? er hat, glaub' ich, geſagt, er wolle den Eulenſpiegel lieber, als die Bibel. So, und auf andere Weiſe noch verdreht, ward auch das Wort dieſen Mittag ſchon allenthalben im Dorf herumgetragen. IV. 128. ff. Der Mund geht jedem Menſchen, deſſen Seele unruhig bewegt iſt, gern zu weit auf und die Worte, die ihm dann entrinnen, haben oft ſehr böſe Folgen. IV. 130.

Es iſt unſtreitig, daß die Kinder ſich gegenſeitig ſchneller finden und alles lieber von ein⸗ ander annehmen, als von größern Leuten. IV. 140.

Es wurde mir mit jedem Tage klarer, daß man in den jüngern Jahren mit der Kindern gar nicht raiſonniren, ſondern ſich in den Entwickelungen ihres Geiſtes dahin beſchränken müße: 1) den Kreis ihrer Anſchauungen immer mehr zu erweitern; 2) die ihnen zum Bewußtſein gebrachten Anſchauungen ihnen beſtimmt und unverwirrt einzuprägen; 3) ihnen für alles, was