Aufsatz 
Pestalozzi als Mensch, Staatsbürger, Dichter und Erzieher, mit seinen eigenen Worten geschildert, Lesefrüchte aus seinen Werken / von J. F. E. Meyer, Rector
Entstehung
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ſagen: es iſt kein Gottesdienſt und kein Menſchendienſt größer und edler, als die Güte, die man gegen Menſchen ausübt, welche durch ihre Fehler verwirret, durch ihre Schande erniedrigt, durch ihre Strafe verwildert, wie die gefährlichſten Kranken zur Wiederherſtellung ihrer gewaltſam zerſtörten Natur und ihres verheerten Daſeins mehr, als alle andern Menſchen Schonung, Menſchlichkeit und Liebe nöthig haben. II. 367. f.

Elternfreuden.

Die häuslichen Freuden des Menſchen ſind die ſchönſten der Erde. Und die Freude der Eltern über ihre Kinder iſt die heiligſte Freude der Menſchheit. Sie macht das Herz der Eltern fromm und gut; ſie hebt die Menſchheit empor zu ihrem Vater im Himmel. Darum ſegnet der Herr die Thränen ſolcher Freuden und lohnet den Menſchen jede Vatertreue und Mutterſorge an ihren Kindern. Aber der Gottloſe, der ſeine Kinder für nichts achtet, dem ſie eine Laſt ſind und eine Bürde, der in der Woche vor ihnen fliehet und am Sonntage ſich vor ihnen verbirget der Gottloſe der Ruhe ſuchet vor ihrer Unſchuld und ihrer Freude, und der ſie nicht leiden kann, bis ihre Unſchuld und ihre Freude dahin ſind, bis ſie wie er gezogen ſind der Gottloſe,

der das thut, ſtößt den beſten Segen der Erde weg von ſich mit Füßen. Er wird auch keine Freude erleben an ſeinen Kindern und keine Ruhe finden vor ihnen. I. 197. f.

Es ſparte keiner ſo den Taglohn, wie der junge Bärr und keiner ſprang ſo mit ihm heim, ihn ſeiner Frau zu bringen und zu zeigen. Den erſten Samſtag war er außer Athem und konnte vor Freuden faſt nicht zu Worten bringen, was er ſagen wollte, da er die Hand aufthat und den Thaler, der von Schweiß ganz naß war, ſeiner Frau zeigte. Sie nahm ihn ihm fröhlich aus der Hand und konnte jetzt wieder friſcher athmen und ſagte noch: Gäll, Frau! ſo hundert, dann wäre ich ein braver Mann? Wenn du nur ſo zehn zu einander bringen kannſt, ſo bin ich mit dir zufrieden, ſagte die Frau. Und er: du mußt auch einmal etwas recht Gutes hoffen. Dann nahm er ihr den Bub ab, den ſie auf dem Schooß hatte und ritt mit ihm auf allen Vieren in der Stube herum. Der Lienert ritt mit ſeinem Heirli nicht ſo auf allen Vieren herum, aber er hatte eben ſo viele Freude mit ſeinen Kindern, inſonderheit mit ſeinem älteſten Knaben. Er zeigte ihm, wenn er am Abend heimkam, allemal etwas von ſeinem Hand⸗ werk. Sie baueten ſeit etlichen Wochen alle Abend mit einander an dem Thurm zu Babel, wie er in der Kinderbibel der Großmutter ſel. abgemalt iſt, aus einem Haufen Lehm in der Stube. Er hat ihnen faſt gar nicht gerathen wollen und ſie mußten manche halbe Nacht probiren, wie breit unten die Treppe ſein müße, wenn ſie ſo zwanzigmal um den immer ſchmäler werdenden Thurm herumgehen und oben ſich mit ihm ausſpitzen müße und viel anders mehr. Er lehrte ihn rechnen, was er zu den Sachen brauchte, wie viel Kalk und Stein und Sand es zu einem Klafter Mauer heiſcht, wenn ſie ſo oder ſo dick iſt. Auch das Bleimaß, das Richtſcheit und das

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