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Mannheim legte der Direktor mit Worten aufrichtiger Teilnahme und treuen Gedenkens eine Kranzſpende an ihrem Sarge nieder.
Das Weſen und den Wert ihrer Perſönlichkeit als Lehrerin hat in tiefempfundener Rede Herr Pfarrer Eſchenröder bei ihrer Einſegnung geſchildert.„In Lina Thomae“, ſagte er,„hat uns Gott der Herr eine ſtarke, ausgeprägte Perſönlichkeit geſchenkt, und wir dürfen hinzufügen— eine Lehrerin von Gottes Gnaden. Wir können ihr Weſen gar nicht verſtehen, ohne es in Verbindung zu bringen mit ihrem Beruf. Ihr Beruf war ihr Leben, ihr Lebenselement, ihre Freude. Ohne dieſen Beruf wäre ihr das Leben ſchal und öde geweſen. Einer ganzen Generation iſt ſie Lehrerin, Erzieherin, Führerin geweſen zur Wahr⸗ heit, zur Schönheit, zum Guten. Wer vermag die ſittlichen und geiſtigen Wirkungen zu ermeſſen, die von dieſer treuen Lehrerin ausgegangen ſind. Viele ihrer Schülerinnen werden ihrer in dieſen Tagen dankbar gedenken, und ich meine, das Schönſte und Beſte, was man am Sarge dieſer treuen Lehrerin ſagen kann, faßt ſich zuſammen in das Wort:„Was in den Herzen anderer von uns lebt, iſt unſer wahrſtes und tiefſtes Selbſt.“
Was ſie als Lehrerin auszeichnete, war zunächſt ihr reiches, gründliches Wiſſen. Durch eindringliches Studium hat ſie ſich namentlich auf dem Gebiet der Geſchichte und Kunſtgeſchichte außergewöhnliche Kenntniſſe angeeignet, die durch weite Reiſen noch ver⸗ tieft und bereichert wurden. Ihr vorzügliches Gedächtnis ſetzte ſie jederzeit in den Stand, aus der Fülle des Wiſſens zu ſchenken und zu geben. Der kunſtgeſchichtliche Unterricht iſt recht eigentlich ihre Domäne geworden. Faſt feierlich wurde ihre Sprache, wenn ſie über kunſtgeſchichtliche Dinge ſprach; es war das feierliche Pathos der innerlich Begeiſterten, der jedes Kunſtwerk ein innerliches Erlebnis wurde. Kunſt und Religion waren ihr ver⸗ wandt, und ſie ſind es. Sie leben beide von der Empfindung des Seeliſchen in der Schöpf⸗ ung. Aber während der religiöſe Menſch ſich zur Seele des Ganzen hingezogen fühlt, verweilt der Künſtler bei dem ſeeliſchen Einzelerlebnis. Und darin beſtand nun ihre Meiſter⸗ ſchaft, ihre Zuhörerinnen das Seeliſche des einzelnen Kunſtwerks nacherleben zu laſſen.
Aber nicht das Wiſſen allein macht den tüchtigen Lehrer,— was ihr bedeutenden er⸗ ziehlichen Einfluß auf die Jugend verlieh, war die innere Kraft ihrer Perſönlichkeit: Jene friſche, unmittelbare Art im Verkehr mit der Jugend, ihre Begeiſterung für die Sache, die Begeiſterung weckte, die mütterliche Art, mit der ſie, die innerlich Gereifte und Lebens⸗ erfahrene, auf die jugendlichen Mädchenſeelen zu wirken verſtand, ihr fröhlicher Optimismus, der an das Gute in den Menſchen glaubte und den guten Geiſt in den jungen Herzen zu wecken verſtand, ihr perſönliches liebevolles Intereſſe, das ſie an ihren Schülerinnen nahm und das über die Schulzeit hinaus lebendig blieb.“
3. Das Ausſcheiden des Frl. Thomae machte verſchiedene Aenderungen in der Ver⸗ teilung des Unterrichts notwendig. Herr Dr. Deggau übernahm die Klaſſenführung und den größten Teil des Unterrichts in Klaſſe I*). An ſeine Stelle trat vom 19. Mai 1913 bis 8. Februar 1914 Herr Lehramtsaſſeſſor Dr. Leib, vom 16. Februar 1914 bis zum Schluß des Schuljahres Herr Lehramtsaſſeſſor Heinſtadt').
4. Zur Fortſetzung ſeines Vorbereitungsdienſtes wurde vom Beginn des Winter⸗ halbjahrs Herr Lehramtsreferendar A. Weiß unſerer Anſtalt überwieſen. Er übernahm den Unterricht in Erdkunde in Illa und IVa, in Naturkunde in IIIb, IYVb und Va. Außer⸗ dem hatte er Gelegenheit, in zahlreichen Vertretungen anderen Unterricht kennen zu lernen. (Vgl. Nr. 5)*).
5. Herr Reallehrer Gerkhardt, der ſich von den Folgen eines Unfalles im ver⸗ gangenen Schuljahr immer noch nicht ganz erholt hatte, mußte vom Beginn des Winter⸗


