Jahrgang 
1913
Einzelbild herunterladen

Aus den Verfügungen der Behörden. Erlaß des Herrn Ministers vom 21. 9. 12(U II 2084).

Die Gefahren, die durch die überhandnehmende Schundliteratur der Jugend und damit der Zukunft des ganzen Volkes drohen, sind in den letzten Jahren immer mehr zutage getreten. Neuerdings hat sich wieder mehrfach gezeigt, daß durch die Abenteur er-, Gauner- und Schmutz- geschichten, wie sie namentlich auch in einzelnen illustrierten Zeitschriften verbreitet werden, die Phantasie verdorben und das sittliche Empfinden und Wollen derart verwirrt worden ist, dass sich die jugendlichen Leser zu schlechten und selbst gerichtlich strafbaren Hlandlungen haben hinreißen lassen. Die Schule hat es auch bisher nicht daran fehlen lassen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dieses Ubel zu bekämpfen und alles zu tun, um bei den Schülern und Schülerinnen das rechte Verständnis für gute Literatur, Freude an lhren Werken zu wecken und dadurch die sittliche Festigung in Gedanken, Worten und Taten herbeizu- führen. In fast allen Schulen finden sich reichhaltige Büchereien, die von den Schülern und Schülerinnen kostenlos benutzt werden können. Aber die Schule ist machtlos, wenn sie von dem Elternhause nicht ausreichend unterstützt wird. Nur wenn die Eltern in klarer Erkenntnis der ihren Kindern drohenden Gefahren und im Bewußtsein ihrer Verantwortung die Lesestoffe ihrer Kinder, einschließlich der Tagespresse, sorgsam überwachen, das versteckte Wandern häßlicher Schriften von Hand zu Hand verhindern, das Betreten aller Buch- und Schreib- warenhandlungen. in denen Erzeugnisse der Schundliteratur feilgeboten werden, streng ver- bieten und selbst überall gegen Erscheinungen dieser Art vorbildlich und tatkräftig Stellung nehmen, nur dann ist Hoffnung vorhanden, daß dem Übel gesteuert werden kann. Bei der Auswabl guter und wertvoller Bücher wird die Schule den Eltern wie auch den Schülern und Schülerinnen selbst mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihnen diejenigen Bücher angeben, die sich für ihre Altersstufe und für ihre geistige Entwickelung eignen. Zu diesem Zwecke werden es sich die Lehrer und Lehrerinnen gern angelegen sein lassen, sich über die in Betracht kommende Jugendliteratur fortlaufend zu unterrichten. Das in dem Weidmann'schen Ver lage zu Berlin erschienene Buch des Direktors Dr. T. JohannessonWas sollen unsere Jungen lesen? wird den Schülern und auch den Schülerimnen wie deren Eltern als zuverlässiger Wegweiser dabei dienen können.

Dieser Erlaß ist in den Jahresberichten der höheren Lehranstalten zum Abdruck zu bringen. Auch bei anderen sich bietenden Gelegenheiten empffehlt es sich, die éffentlichkeit auf den Schaden minderwertiger und den Nutzen bildender und fördernder Erzeugnisse der Literatur und Kunst immer wieder aufmerksam zu machen und dadurch für die Mitarbeit an der geistigen und sittlichen Förderung unserer Jugend zu gewinnen.

Im Sinne dieses Erlasses hat unsere Schule gehandelt, indem sie vor Weihnachten an die Schüler 300 Exemplare eines Verzeichnisses empfehlenswerter Bücher verteilte, das durch das tatkräftige Eintreten des Vereinsverbandes der akademisch gebildeten Lehrer Deutsch- lands zustande gekommen ist.