Jahrgang 
1910
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gegen Nation, von Weltteil gegen Weltteil? Das alles jagt keuchend nach Glück, und verzweifelnd schreit die gepreſste Brust:Wo bist Du?

Wir sind mit den beiden ersten Fragen fertig. Das Leben fordert von uns Kampf und Ringen und verspricht dafür Ansehen, Reichtum und andere Güter aber auch Glück? Herzensfrieden? Nein, liebe Abiturienten, dazu ist das Leben nicht reich genug; das liegt jenseits der Grenzen seines Vermögens; das liegt nicht in der Welt, auch nicht im Weltall; das kann überhaupt nicht von aufsen kommen, selbst wenn wir die ganze Welt gewännen, sondern es kommt von innen, mufs im Herzen, in der Seele genau so errungen und aufgebaut werden, wie grofse Schätze und Ebren im Aufsern. Und hierin liegt der eigentliche wahre Wert des Menschenlebens.

Ihr seht mich an mit Euren hellen Augen, Ihr Abiturienten, Ihr Kinder Eurer Zeit. Zweifelt Ihr vielleicht? Wohlan, Ihr habt ja Zeit, die Probe zu machen, nur besinnt Euch nicht zu spät, damit, wenn Ihr enttäuscht seid, noch Zeit bleibt zur Umkehr auf den rechten Weg! Und welches ist der Weg? Einer, der unendlich viel weiser und gröſser und edler war als wir alle hat uns den Weg gezeigt zu einem Glücke, das kein Auge

gesehen, kein Ohr gehört und in keines Weltkindes Herz je gedrungen ist, nicht etwa plols jenseits denn dals ich es nur ausspreche, diese Vertröstung auf jenseits hat für den modernen Menschen vielfach leider nicht mehr den alten Wert also nicht bloſs jenseits, sondern schon hier auf Erden, heute, jetzt. Und dieser

Weg heilst treue Pflichterfüllung oder als Gesetz: Liebe Deinen Gott und seine Stimme in Deinem Innern über alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst! Nicht frage Dein Herz nach seinen Wünschen, sondern nach Deinen Pflichten frage Dein Gewissen! Und wenn Du diese dann erfüllt hast, dann treten auch zu Dir, wie einstens zum Herrn, Engel herzu und dienen Dir, der Engel des Friedens und des inneren Glückes, der Engel des Ansehens und des Reichtums, der Engel der Gesundheit und der Liebe Deiner Mitmenschen, und wie die schönen Engel des Menschendaseins alle heilsen mögen, die zum Dienste der Menschheit geschaffen sind. Oder wie der alte J. H. Jacobi sagt:Ich bin jung gewesen und bin alt geworden und lege das Zeugnis ab, dals ich nur in dem wahrhaft Gottesfürchtigen Freudigkeit am Leben fand, eine herzhafte siegende Heiterkeit von so ausgezeichneter Art, dals sie mit keiner andern zu vergleichen, und keine Furcht vor dem Tode. Rede ich zu Klugen oder Törichten, zu Gläubigen oder Ungläubigen? So will ich es Euch beweisen, damit Ihr nicht zweifelt, sondern wisset. Gber ihren Schätzen, so lesen wir, haben sich Menschen erhängt, an den Stufen des Thrones erschossen, aus Verzweiflung am Leben getötet, aus Überdruls am Leben die Wüste aufgesucht, dagegen wilst Ihr auch, daſs ein Diogenes glücklich war in seiner Tonne, ein Sokrates über dem Giftbecher lächelte, Märtyrer auf dem Roste sangen, und unser Herr am Kreuze noch unsagbar liebte. Sucht Ihr also das Glück, so schaut in die Augen des spielenden Kindes, das Sinnbild der Unschuld, seht in die Augen der Mutter, das Sinnbild der Liebe, blicket hin auf das Antlitz der barmherzigen Schwester, das Sinn- pild der treuesten Pflichterfüllung, und wenn Ihr dereinst, ich spreche es mit Wehmut, der Unschuld verlustig sein oder des Glückes der reinsten Liebe entraten solltet, so pleibe Euch wenigstens das dritte, treue Pflicht- erfüllung gegen Gott und Euren Nächsten, denn: Deiu wahres Glück, lieb Menschenkind, o glaube doch mit nichten, dafs es erfüllte Wünsche sind, es sind erfüllte Pflichten.

Die Zeit drängt, ich bin zu Ende; noch einen Gruſs und nochmals der Wunsch: Möget Ihr Kinder Rurer Eltern, Ihr Schüler unserer Schule, Ihr Söhne unse es Volkes glücklich werden in treuer Pflichterfüllung oder doch ich spreche ja zu Menschen, die irre gehen, straucheln und fallen können wenn Ihr eines Tages nicht glücklich seid, Euch des rechten Weges besinnen, des Weges der treuen Pfliichterfüllung zu Eurem Heile, der Eltern Freude und zum Segen Eures, unseres innig geliebten deutschen Volkes! Das walte Gott der Herr! In seinem Namen und als Vertreter der höchsten Behörde und des Lehrerkollegiums spreche ich Sie frei und entlasse Sie aus dem Verbande der Schule. Und nun empfangen Sie Ihre Zeugnisse!

Eine freudige Überraschung wurde der Anstalt dadurch bereitet, dals wiederum 400 A für das physikalische Kabinett zu Anschaffungen für die freiwilligen Schülerübungen durch den Herrn Minister überwiesen wurden.

Zum Schlusse sei noch bemerkt, dals auch in diesem Jahre den Schülern der Anstalt seitens der Kgl. Theaterintendantur durch sogenannte Volksvorstellungen sowohl als auch bei klassischen Stücken Gelegenheit geboten wurde, zu sehr mäſsigen Preisen muster- gültigen Vorstellungen beiwohnen zu können. Herzlichen Dank!