Jahrgang 
1910
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Wem angesichts der regen Beteiligung unserer Schüler an aulserunterrichtlichen Dingen vielleicht die Befürchtung kommen möchte, dals das des Guten doch etwas viel sei und die Hauptsache, das ernste Studium, darunter leiden könnte, dem sei bemerkt, daſs nach der An- sicht vieler Pädagogen in unseren höheren Schulen immer noch zu viel unterrichtet und zu wenig erzogen wird. Für die Erziehung zu einem selbständigen, tüchtigen und hingebenden Charakter ist aber nichts besser als die freie Betätigung als Führer oder Teilnehmer an irgend einem freien Verein, und wir sind überzeugt, dals gerade aus diesen Schülern Männer hervor- gehen werden, die im späteren Leben auch für ihr Volk Herz und Gemüt, Kraft und Willen einzusetzen bereit sind. Wir glauben auch bemerkt zu haben, daſs in demselben Maſse, wie sich ein jugendliches Gemüt für irgend eine höhere Aufgabe begeistert, in demselben Malse die Neigung zu Ausschreitungen und Roheiten schwindet, wie sie in früheren Zeiten so oft beklagt wurden.

Ein besonderer Fall erfüllte uns in diesem Jahre mit tiefer Trauer und Sorge, indem ein sonst sehr praver und trefflicher, allgemein beliebter Schüler der UI sich in einem Augen- blicke der Ratlosigkeit in seinem Zimmer zu einer Tat hinreiſsen liels, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Wir standen und stehen ratlos da, insbesondere als auch die sorg- fältigsten Forschungen selbst mit Hilfe seiner Freunde und Mitschüler keinen Anhaltspunkt zu irgend einer Hilfe geben, doch deuten bestimmte Anzeichen auf eine zu schwere philo- sophische Lektüre, deren zersetzendem Einfluſs der jugendliche Geist nicht gewachsen war. Wieder eine Mahnung, dals man in der wichtigen Ubergangszeit der 16 und 7 Jahre nicht sorgfältig genug alles beachten kann, was einen Jüngling mehr wie gewöhnlich beschäftigt oder bewegt; und darin sind wir fast lediglich auf das Elternhaus angewiesen, dem solche Erscheinungen dauernder Erregtheit oder Niedergeschlagenheit und Verstimmung viel eher auffallen als der Schule, zumal sich der Schüler zu Hause ja viel natürlicher gibt als bei uns. Treten nun solche befremdenden Erscheinungen auf, oft gepaart mit Appetitlosigkeit, Müdigkeit und schlechtem Schlaf, so werden besorgte Eltern sich alsbald mit dem Ordinarius oder dem Direktor in Verbindung setzen, denen ja ähnliche Erscheinungen leider nichts Neues sind. Im äuſsersten Notfalle hilft aber nichts anderes als schleunige Flucht aus der Schule, aus dem Hause, aus der ganzen bisherigen Umgebung hinaus aufs Land oder ins Gebirge oder an die See in ganz neue Verhältnisse bei Verwandten, Freunden oder einem zuverlässigen Manne mit womöglich ganz anderer Beschäftigung, etwa im Garten, Felde oder Walde, mit Wandern, Rudern und Sport jeder Art, aber nur nicht mit vielem Lesen oder gar Studieren. höchstens mit leichter Lektüre eines fesselnden, aber nicht aufregenden Buches. Die scheinbar verlorene Zeit wird später reichlich wieder eingeholt; und was helfen die schönsten Kenntnisse bei zerrütteter Gesundheit? Daſs auch der Arzt ein gewichtiges Wort mitzusprechen hat. bedarf wohl kaum der Erwähnung.

Am 28. Oktober besuchte unser neuer Dezernent, Herr Provinzial-Schulrat Dr. Wafsner., die Anstalt, liels sich jeden der Herren Kollegen in seiner Klasse vorstellen und wohnte einige Minuten dem ÜUnterricht derselben bei.

Den Geburtstag Sr. Maj. des Kaisers feierten wir in üblicher Weise mit Gesang und Deklamation in der reich geschmückten gemeinschaftlichen Turnhalle. Die Festrede hielt, Herr Prof. Leifs über das Thema:Die deutsche Kaisersage. Zum erstenmale wurde auch eine grölsere Anzahl unserer Schüler durch Einladungskarten zur Festparade erfreut, wovon