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Der Kandidat des höheren Schulamts Herr Dr. Kiesel, der der Anstalt schon früher angehört hatte, wünschte nach einigen Jahren privater Tätigkeit wieder in den Verband des Lehrerkollegiums einzutreten und wurde auf sein Ansuchen von der vorgesetzten Behörde durch Verfügung vom 20. September 1905 S. 8290 der Anstalt zur Vereidigung und unent- geltlichen Beschäftigung überwiesen; er erteilte vom Michaelis 1905 ab den Unterricht in der Naturkunde in III B* und III A.
Ein besonderer Vorzug wurde der Anstalt dadurch zuteil, daſs gemäſs Ministerial-Erlals vom 26. Oktober 1905 UII No. 3440 der Lehramtsassistent Herr Loquet aus Dieppe in der Normandie dem Königlichen Realgymnasium zu Wiesbaden zur Abhaltung von nicht verbind- lichen Konversationsstunden mit Schülern der oberen und mittleren Klassen während der schulfreien Zeit überwiesen wurde. Die Beteiligung seitens der Schüler war eine recht rege. Da auch das Verhältnis des fremden Herrn zum Lehrerkollegium sich vom ersten Tage zu einem recht freundlichen gestaltete, und er auch die Schüler durch lebendige Schilderungen von Land und Leuten seiner Heimat, sowie durch Unterhaltung über alle Erscheinungen des tüglichen Lebens zu immer mehr steigender eigener Beteiligung an der Konversation anzuregen verstand, so dürfte diese Neuerung im Schulbetriebe des Französischen mit besonderem Danke zu begrülsen sein.
Der Gesundheitszustand im Lehrerkollegium war im Ganzen ein recht befriedigender.
Leider lälst sich nicht gleiches von den Schülern berichten; waren wir bis dahin 12 Jahre hindurch wenigstens vor dem Härtesten bewahrt geblieben, so sollten wir in diesem Jahre um so schmerzlicher heimgesucht werden. Am 16. Juni starb der Schüler der Quarta Carl Walter Frosch, Sohn des Telegraphendirektors Frosch, ein blühender Knabe, das einzige Kind seiner Eltern, an den Folgen des Scharlachs. Durfte die Klasse auch wegen Ansteckungsgefahr ihrem kleinen Kameraden, der gleichmäſsig bei Lehrern und Mitschülern beliebt war, nicht das Geleit geben, so nahm sie doch mit umflorter Klassenfahne wenigstens in der Nähe des Trauerhauses Aufstellung. Die Gedächtnistrauerfeier fand in der Aula am 21. Juni statt.
Am 2. August starb der Schüler der Untersekunda Erwin Franke, ein kräftiger hoffnungsvoller Jüngling, Sohn des Ingenieurs Franke im Alter von 17 Jahren, an einer Ent- zündungskrankheit. Da Lehrer und Schüler in den Ferien abwesend waren, konnte die Anstalt sich leider an seinem Begräbnisse nicht beteiligen. Die Gedächtnis-Trauerfeier fand am Montag den 21. August in der Aula statt.
Besonders erschütternd war aber der dritte Sterbefall, zumal dadurch ein Mitglied unseres Kollegiums so hart betroffen wurde. Herr Oberlehrer Dr. Merbach hatte seinen zweitältesten Sohn Heinz, einen vielversprechenden Knaben von 12 Jahren, Schüler der Untertertia, zur Herstellung seiner Gesundheit zu einer Tante auf ein Landgut bei Leipzig gesandt. Hier fand er eines Tages beim Suchen nach einem Spielzeug einen schlecht verwahrten geladenen Revolver; ihn anfassen und verunglücken war das Werk eines Augenblickes; man fand das arme Kind tot im Zimmer liegen. Die Klasse und das Lehrerkollegium begleiteten die kleine Leiche hierselbst zu Grabe; die Gedächtnis-Trauerfeier fand am 15. November statt.
Im übrigen sei über die Geschichte der Anstalt berichtet wie folgt:
Am 9. Mai wurde die Centenar-Gedächtnisfeier von Schillers Todestag in üblicher Weise mit Gesang und Deklamationen in der Aula begangen; die Festrede hielt Herr Oberlehrer


