Jahrgang 
1915
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Die Rede des Herrn Dekans Bickel lautete so:

⸗Wenn auch diese Feier in erster Linie dem 50 jährigen Jubiläum der 1864 er Abiturienten unseres Gymnasiums gilt, so bin ich doch deren Zustimmung gewib, wenn ich, als der älteste unter ihnen, der bereits zu Ostern 1859 abgegangen, den Gefühlen der Dankbarkeit, die uns in dieser festlichen Stunde bewegen, einen kurzen, aber darum nicht minder herzlichen Ausdruck gebe; des Dankes einmal für diese so überaus sinnige Feier, die Sie, verehrter Herr Direktor, uns zu Ehren veranstaltet haben, dann aber auch des unauslöschlichen Dankes und der Pietät für alles, was uns das Gymnasium für unseren Lebensweg mitgegeben bat.

Gar schön wurde diese Feier eingeleitet mit dem Liede:-Lobe den IHerren, den mächtigen König der Ehren-, dessen vierte Strophe uns zuruft: ⸗Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet⸗. Wir sind unserer nur noch eine kleine Schar von Getreuen, die heute hierhergekommen, all unsere Kameraden, die einst mit uns auf der Schulbank gesessen und die wir vielleicht manchmal um ihre kräftige Konstitution und plühende Gesundheit beneiden mochten, sind bis auf ganz wenige längst-den Weg gegangen, den noch keiner kam zurück⸗. Um so tiefer empfinden wir es als eine besondere Gnade von Gott, daßz wir uns noch unseres Daseins freuen und zum Teil noch frohgemut wirken können, solange es Tag ist.

Schleiermacher, der Vater der ncueren Theologie, hat einmal zdas Alter ein leeres Vorurteil- genannt und sich auf der Schwelle des vorigen Jahrhunderts gelobt:-Ungeschwächt will ich den Geist bis in die späteren Jahre bringen, nimmer soll der frische Lebensmut mir vergehen; was mich jetzt erfreut, soll mich immer erfreuen; stark soll mir bleiben der Wille und nimmer verlöschen das Feuer der Liebe. Nie werd' ich mich alt dünken, bis ich fertig bin; und nie werd' ich fertig sein, weil ich weiß und will, was ich soll. Und so seh' ich lächelnd schwinden der Augen Licht und keimen das weißze Haar zwischen den blonden Locken. Nichts, was geschehen kann, mag mir das Herz beklemmen, frisch bleibt der Puls des inneren Lebens bis an den Tod.-

Diese köstlichen Worte sind mir gar manchmal, besonders in schweren Stunden, vor der Seele gestanden und haben mich innerlich gestärkt und es mir immer wieder bestätigt, dab es eine un- vergängliche Jugend gibt, die, wenn auch die Haare bleichen und die körperlichen Kräfte mehr und mehr abnehmen, uns doch bis ins hohe Alter hinein begleitet. Das ist die unauslösch- liche Begeisterung für die Ideale des Lebens, für alles, was den Menschen hinaushebt über das Niedrige und Gemeine; die Begeisterung für alles, was wahrhaft und ewig menschlich ist, eine Begeisterung, die das Herz festigt und den Willen stählt und darum auch in den mancherlei Ver- suchungen und Kämpfen und Nöten des Lebens uns mutig und tapfer ausharren heißt.

Cnnd dieser Idealismus, der der schönste Schmuck einer lebensfrohen Jugend ist, wurde schon frühe in uns geweckt und gepflegt in unserem humanistischen Gymnasium, das ja von jeher den Ruhm und die hohe Aufgabe gehabt, vornehmlich eine Pflanz- und Pflegestätte einer idealen Welt- und Lebensanschauung zu sein und das darum seinen Schülern jenen kategorischen Imperativ, jenes un- erbittliche Pflichtgefühl fürs Leben mitgeben will, das sie gegen den erschlaffenden Einflußs und die materialistischen Strömungen unserer Zeit zu schützen und zu feien vermag. Und wenn auch die Pädagogik, Psychologie und Methodik, die seit unserer Gymnasialzeit erfreuliche Fortschritte gemacht, die heute Lehrern und Schülern gleicherweise zustatten kommen, damals in mancher Hinsicht zu wünschen übrig ließen, so waren doch die Verhältnisse, der ganze Zuschnitt des Lebens, ich möchte sagen, das ganze Milieu jener Zeit im Vergleich zu heute noch so einfach, so schlicht, so anspruchs- los, so bieder, so gesund, daß wir bei dem nötigen Fleiß doch etwas Tüchtiges lernen und damit, einen guten Grund für unser ganzes späteres Leben legen konnten.

Und das möchte ich Euch, meine jungen Freunde, am heutigen Tage ganz besonders ans Her⸗ legen. Euch lacht noch der Frühling des Lebens, aber-des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder⸗. Wollt auch Ihr darum in späteren Jahren mit Freude und Dank auf Eure Gymnasialzeit zurückblicken, dann haltet Euch stets die Mahnung des Dichters vor Augen:

Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht, 3 Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.

Und so möchte ich alles, was mich in dieser Stunde bewegt und ich bin überzeugt, Sie alle stimmen mir darin zu kurz zusammenfassen in den Wunsch: Gott schütze und segne unser