Jahrgang 
1910
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In das pädagogische Seminar traten ein die Herren: Lendle, Ott, Scharowski, Dr. Szymanski, Thiess, Dr. Wüstenfeld, die schon bald in die Lage kamen an den ver- schiedenen höheren Lehranstalten der Stadt bei Vertretungen auszuhelfen. Unterrichtet wurden sie am Seminar von dem Berichterstatter und den Herren Professoren Hochhuth, Mosheim., Schmelz. Wie in den Vorjahren in der Mittelschule in der Luisenstralse so durfte in diesem Jahre das Seminar eine Woche lang an der Vorschule und in der Sexta des Reform-Realgymnasiums dem Unterrichte beiwohnen und auch die ausgezeichneten deutschen Sprechübungen des Herrn Lehrers Jacobi an der Mittelschule in der Rheinstralse anhören. Herzlichen Dank allen beteiligten Herren für ihr freundliches Entgegenkommen. Die abschlieſsende Revision durch Herrn Ober- Regierungsrat Dr. Paehler aus Cassel fand am 4. Februar statt. UÜber die Termine und Ergebnisse der Reifeprüfung vergl. Abschnitt IV, 3. Bei der Entlassungsfeier am 13. März hielt der Abiturient Königs die Ab- schiedsrede über das Thema: Sophokles' Philoktet und Goethes Iphigenie, zwei Lebensführer zur Wahrhaftigkeit.

In erfreulichem Malse wurden im Laufe der guten Jahreszeit die Klassen hinaus in die Natur geführt, sei es in der Form von Schnitzeljagden der jüngeren Schüler, sei es in der Gestalt von Spaziergängen und Ausflügen, welche eine Klasse sogar bis zu einer zweitägigen Fahrt nach dem

Laachersee ausdehnte; auch im Winter haben einige Klassen Schneemärsche ins Gebirge unternommen. Einen belehrenden Zweck verfolgten botanische Wanderungen der unteren Klassen durch die Frühlings- gärten, ferner die Führung der Schüler durch die Wiesbadener Gewerbeausstellung und die Be- sichtigung des wohlgelungenen, hochinteressanten Foucauldschen Pendelversuchs, den das Möbel- transportgeschäft Rettenmayer in dem gewaltigen Kuppelbau seines Möbelmagazins zum Nutzen der höheren Lehranstalten anzustellen die Freundlichkeit hatte.

Der 2. September wurde diesmal noch stärker als früher hervorgehoben, indem mit dem Sedanfeste die Feier des 1900 jährigen Jubiläums der Schlacht im Teutoburger Walde vereint wurde. In dem Festaktus lieferten die Oberprimaner Rosenthal, Wollweber, Königs, v. Treskow durch Vorträge und Auszüge aus den griechischen und römischen Quellenwerken die Darstellung des geschichtlichen Vorgangs, während die Oberprimaner Bierbaum, Plessner, Minor und der Ober- sekundaner Boettper durch Vortrag von Gedichten den Widerschein dieses grolsen Ereignisses in unserer nationalen Dichtung veranschaulichten. Nach der Feier in der Aula zog die ganze Schule auf den groſsen Exerzierplatz und tummelte sich auf der grünen Fläche unter der Oberleitung des Turnlehrers Herrn Hagelauer zuerst in Klassenspielen, dann in Klassenwettspielen und schlielslich im spannungsvollen Fünfkampfe, der aus Hoch- und Weitsprung, Steinstolsen, Schleuderball, Wett- laufen und Ringen bestand. Die Sieger Tegetmeyer UIb, Hecht OIb und Altdorfer 01b wurden mit Kranz und Prämien belohnt, und mit einem Hoch aufs Vaterland schlols die schöne Feier.

Die von den Angehörigen gut besuchte Weihnachtsfeier am 21. und 22. Dezember, die dank der Mithilfe des Schüler-Musikvereins eine reiche Folge von musikalischen und deklamatorischen Vor- trägen aller Art bot und als Mittelpunkt die treuherzige Erzählung Roseggers:»Der erste Christ- baum in der Waldheimat⸗ hatte, nahm einen stimmungsvollen Verlauf. Eine sich anschlielsende Sammlung zu Gunsten des Weihnachtsfestes des Knabenhortes ergab einen namhaften Betrag. Bei der Kaisers-Geburtstagsfeier für die unteren Klassen am 26. Januar hielt Herr Oberlehrer Fuchs die Festansprache, der Festredner für die Hauptfeier am 27. Januar war Herr Oberlehrer Dr. Best. Wegen seiner plötzlichen Verhinderung durch einen Trauerfall konnte aber seine Rede über das Thema: Altes und neues Kaisertum im Werden und Wesen, in Aufgaben und Zielen nur vorgelesen werden, eine Aufgabe, die freundlichst Herr Oberlehrer Dr. Bickel 1 durchführte. Die auf den Inhalt der Rede hin ausgewählten poetischen Vorträge, die diesmal Herr Professor Bosse vorbereitet hatte, fanden ihren Höhepunkt in der Vorführung der Szene aus Wallensteins Tod II, 1 u. 2 durch die Oberprimaner Minor als Wallenstein und Werner Gerlach als Max Piccolomini. Wiederum hat die Anstalt, auch im Sinne der Eltern, Herrn Professor Dr. Touton auf das wärmste zu danken für den ausgezeichneten Vortrag über die sexuelle Verantwortlichkeit des Menschen, den er am 4. März vor den Abiturienten hielt, als Wegweiser bei ihrem Eintritt ins Leben.