Jahrgang 
1926
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m.K- 1. Schulziel und Berechtigungen.

Die Landwirtſchaftsſchule Weilburg, an Stelle des 1876 aufgehobenen Königl. landwirtſchaftlichen Inſtituts zu Hof Geisberg bei Wiesbaden begrün⸗ det, wurde am 10. Oktober 1876 eröffnet und nach der Ordnung für die preußiſchen Landwirtſchafts⸗ ſchulen vom 10. Oktober 1875(mit den Abän⸗ derungen vom 15. November 1892) eingerichtet; ſie gehört zu den öffentlichen höheren Lehranſtal⸗ ten. Sie hat den Zweck, ihren Zöglingen eine für den zukünftigen praktiſchen Lebensberuf ausrei⸗ chende allgemeine Bildung(die früher die Berech⸗ tigung für den einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt

gewährte) und eine ſorgfältige fachwiſſenſchaftliche

Borbildung für den landwirtſchaftlichen Beruf zu geben.

Durch Erlaß des Reichskanzlers erhielt ſie 1879 vorläufig, 1887 endgültig die Berechtigung, ihren Schülern nach beſtandener Entlaſſungsprüfung Zeugniſſe der Reife mit der wiſſenſchaftlichen Be⸗ fähigung für den(eezt abgeſchafften) einjährig⸗ freiwilligen Militärdienſt zu erteilen. Mit der Neu⸗ ordnung des geſamten Militärweſens ſind die ſog. Einjährigenzeugniſſe zwar abgeſchafft, dafür ſtellt aber die Landwirtſchaftsſchule nach wie vor ihren abgehenden Schülern ein Reifezeugnis aus.

Die Landwirtſchaftsſchule Weilburg erſtreckt ihren Schulbezirk über die ganze Provinz Heſſen⸗ Naſſau, alſo über die Regierungsbezirke Caſſel und Wiesbaden. Sie iſt in der Provinz die einzige An⸗ ſtalt ihrer Art und iſt nicht zu verwechſeln mit den ſog.landwirtſchaftlichen Schulen(landw. Win⸗ terſchulen), die in jedem Kreiſe beſtehen und als Fachſchulen für den bäuerlichen Beſitzſtand gelten. Die Weilburger Landwirtſchaftsſchule iſt die Son⸗ derſchule für den mittleren landwirtſchaftlichen Be⸗ rufsſtand in Heſſen⸗Naſſau. In ihrer Einrich⸗ tung ähnelt ſie den 6 klaſſigen Realſchulen, unter⸗ ſcheidet ſich aber von ihnen durch den ſtarken natur⸗ wiſſenſchaftlich⸗landwirtſchaftlichen Einſchlag. Da⸗ durch eignet ſie ſich beſonders für Schüler, die we⸗

euagen A. Die Landwirtſchaftsſchule.

niger ſprachlich begabt ſind. Sie legt durch die Wahl eines erprobten Unterrichtsverfahrens beſon⸗ deren Wert darauf, die Selbſttätigkeit und die Denkfähigkeit der Schüler auszubilden.

Die erſte und vornehmſte Aufgabe der Land⸗

wirtſchaftsſchule bleibt, die ihr anvertrauten Schüler

zu denkenden, berufsfreudigen, praktiſchen Land⸗ wirten vorzubilden und zu erziehen. Sie nimmt daher in erſter Linie die Söhne der praktiſchen Landwirte auf oder ſolche Schüler, die ſpäter Land⸗ wirt werden wollen. Sie weiſt aber auch Schüler aus anderen Berufskreiſen nicht zurück; wer Kauf⸗ mann, Techniker uſw. werden will oder in einen Beruf einzutreten beabſichtigt, der mit der Land⸗ wirtſchaft Beziehungen unterhält, wird gerade an der Landwirtſchaftsſchule wertvolle Grundlagen er⸗ werben können.

Die Weilburger Landwirtſchaftsſchule rechnet damit, daß der geſamte landw. Mittelſtand der Provinz in ſteigendem Maße ſich ihrer als Erzieh⸗ ungsanſtalt für ſeine Söhne bedienen wird, zumal die Verbindung mit beiden Bezirksverbänden und beiden Landwirtſchaftskammern der Peovinz ſchon enger geknüpft iſt. Wer ſpäterhin als Landwirt tätig ſein will, muß über tüchtiges Wiſſen und gründliche Vorbildung verfügen, ſonſt geht er im Wettbewerb mit beſſer Ausgerüſteten unfehlbar zu⸗ grunde. Sorgfältige Schulbildung wird in Zukunft unerläßlich ſein für jeden, der im Leben ſich eine geſicherte Stellung erringen will, und damit werden die Landwirtſchaftsſchulen auch weiterhin unent⸗ behrlich bleiben. Das Miniſterium arbeitet zur Zeit an ihrer weiteren Ausgeſtaltung und ihrem Ausbau. Das Ergebnis der Reformpläne wird ſich vorausſichtlich im Laufe des neuen Schuljahres zeigen.

Das Reifezeugnis der Landwirtſchaftsſchule be⸗ rechtigt zum Studium der Landwirtſchaft an deut⸗ ſchen Hochſchulen und Univerſitäten behufs Able⸗ gung der Prüfung für akademiſch gebildete Land⸗