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Wartburg unternommen, dem unvergänglichen Wahrzeichen deutſcher Vergangenheit und Größe, und zu ſeinen Füßen dem Reuter⸗ und Wagnermuſeum ein Beſuch abgeſtattet, in deſſen Räumen der größte deutſche Mundartdichter die letzten Jahre ſeines Lebens ge⸗ weilt hat. Am Montag abend nahmen dann die Feſtſpiele ihren Anfang mit einem meihe⸗ vollen Auftakt in der Herderkirche, wo ſich über 800 Schüler und Schülerinnen zuſam⸗ menfanden zu den Begrüßungsworten des Stadtpfarrers, der die hier verſammelte deut⸗ ſche Jugend willkommen hieß, mit dem Wunſche, daß ſie nicht ohne ſeeliſche Bereicherung und neue Lebenskraft aus Weimar, dem einſtigen Brennpunkt deutſcher Geiſteskultur, ſchei⸗ den möge. Am folgenden Tage verſammelten ſich die Mitglieder des Schillerbundes im Nationaltheater, wo ihnen ein tiefes Kunſterlebnis beſchert wurde. Wohl kaum läßt ſich der erhabene Rhythmus Schillerſcher Verſe und die packende Wucht der Homeriſchen Sprache und Handlung beſſer zum Ausdruck bringen, als es hier durch Ludwig Wüllner geſchah, der einige Gedichte Schillers und„Hektors Beſtattung“ nach dem 24. Geſang der Ilias mit Muſikbegleitung rezitierte. Hieran reihten ſich an den folgenden Abenden die Aufführungen des Weimarer Theaters an. Zuerſt ging G. Hauptmanns„Florian Gey⸗ er“ in Szene, das gewaltige Drama des Bauernkrieges, worin wir mit ergreifender Deut⸗ lichkeit das deutſche Schickſal abgeſpiegelt ſehen; denn die endloſen Partei⸗ und Klaſſen⸗ gegenſätze ſowie der verhängnisvolle konfeſſionelle Hader verhindern heute noch ebenſo wie vor 400 Jahren die Zuſammenfaſſung aller Kräfte zum gemeinſamen Ziel. Wie viel erhebender wirkten dagegen die von romantiſchem Zauber umfloſſenen Geſtalten des Shake⸗ ſpeareſchen„Sommernachtstraums“, die nachdem Rhythmus der Mendelsſohnſchen Muſik die Bühne belebten! Es war ſicherlich einglücklicher Griff, daß an die Stelle des ur⸗ ſprünglich geplanten„Käthchens von Heilbronn“ der„Sommernachtstraum“ geſetzt wurde deſ⸗ ſen Aufführung wohl als die beſte bezeichnet werden darf. Den Abſchluß bildeten eine klaſſi⸗ ſche Tragödie, Schillers„Braut von Meſſina“, die trotz aller Schwächen ihre Wirkung nicht verfehlte. Außerdem war den Mitgliedern des Schillerbundes Gelegenheit gegeben, die „Meiſterſinger“ zu ſehen, eine der ſchönſten dentſeahen Opern mit ihrer wunderbaren Wagnerſchen Muſik. Die glänzende Bühnenausſtattung und guten, künſtleriſchen Kräf⸗ te des Weimarer Theaters brachten jeder Aufführung einen vollen Erfolg, wovon der ſtür⸗ miſche Beifall der Zuſchauer das beredteſte Zeugnis ablegte.
Um die Aufführungen rankten ſich Beſſchtigungen und Führungen durch die vielen Erinnerungsſtätten Weimars und ſeiner Umgebung. Da ſteht am Frauenplan das große Goethehaus mit den rieſigen mineralogiſchen, phyſikaliſchen, zoologiſchen, botani⸗ ſchen und künſtleriſchen Sammlungen, mit der gewaltigen Bibliothek, aus der Goethe ſein Univerſalwiſſen geſchöpft hat. Beſſer als aus den Werken Goethes geht aus dieſen bewundernswert umfaſſenden Sammlungen hervor, warum wir ihn mit Recht das Spie⸗ gelbild der Kultur ſeiner Zeit nennen dürfen. Voll Ergriffenheit betrachtet man das Ar⸗ beits⸗ und Sterbezinimer, die beide unberührt geblieben ſind und noch immer von dem Geiſte des Dichters erfüllt ſcheinen. Wie ganz anders mutet dagegen die beſcheidene und ſchmuckloſe Dachſtube an, in der Schiller den„Tell“, die„Braut von Meſſina“ und den„Demetrius“ gedichtet hat! Schon dieſe äußere Verſchiedenheit der Umgebung zeigt, wie ſehr die beiden Dichter auch in ihrer geiſtigen Eigenart verſchieden waren. Weiter führt der Weg zum Wittumspalais der Herzogin Anna Amalia, die dort die Großen Weimars zur Abendgeſellſchaft um ihren runden Tiſch zu verſammeln pflegte.
Aber auch kulturgeſchichtlich hochintereſſante Dinge ſind hier zu ſehen, ſo der große Toilettentiſch mit der winzigen Waſchſchüſſel, die aus der Menge all der Schminktöpfchen, Puderquaſten, Stäbchen und Häkchen gar beſcheiden hervorſchaut. An dem Hauſe der Frau von Stein vorüber kommt man in der herrlichen Park. durch den ſich, halb verdeckl unter einem grünen Laubdach, die Ilm hindurchſchlängelt. Hier befindet ſich Goethes Gartenhaus mit ſeinem Lieblingsplätzchen, wo er im Sommer mit Vorliebe weilte. Wäh rend der Schillerwochen verliehen die bunten Mützen und Kleider der Gartenhausbeſucher dem ſtillen Park ein frohbewegtes Ausſehen, Bekanntſchaften hinüber und herüber wurden


