Jahrgang 
1905
Einzelbild herunterladen

des Thrones aus weithin zu wirken und im eigenen Sinne sich an der Beglückung seines Volkes zu versuchen. Wenn der Wandschmuck dem Andenken Kaiser Friedrichs gewidmet sein soll und das ist doch der bestimmt ausgesprochene Wunsch der Stifter, so müsste der Beschauer ein wesentliches Stück aus dem Inhalt dieses Lebens vermissen, wenn nicht auch an die erschütternde Frühzeitigkeit seines Endes erinnert würde. Dass es nicht in aufdringlicher Heftigkeit, sondern mit, versöhnender Milde geschieht, dafür sorgt der Eindruck, der von dem an dem Sarge stehenden, kranzreichenden Engel des Friedens ausgeht. Wir glauben verkörpert zu schauen, was ein tröst- liches Bibelwort verheisst:Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ein weiteres Mittel, den schweren Stimmungsgehalt dieses Bildes zu mildern, liegt darin, dass es eben nur der Teil eines viel grösseren Ganzen ist und in den übrigen Teilen ganz andere Themata behandelt, ganz andere Stimmungen ausgesprochen werden. Genug, nichts würde ich für verkehrter halten, als dieses ergreifend charakteristische Motiv aus dem Bildercyklus zu entfernen, etwa um es durch ein nichtssagendes Portrait oder dergleichen zu ersetzen. In den beiden Seitenbildern aber schäumt das volle Leben des königlichen Helden: hier eine Scene aus der Schlacht bei Königgrätz, dort eine aus der Schlacht bei Wörth. Beide Höhe- punkte seines Wirkens, beide zugleich Höhepunkte unserer nationalgeschichtlichen Entwicklung. Die Schlacht bei Königgrätz entschied den langen unseligen Zwist zwischen österreich und Preussen in einem Sinne, der allein eine grosse Zukunft nicht bloss unseres engeren Vaterlandes, sondern von ganz Deutschland ermöglichte und verbürgte. Und die unter der Führung des Kronprinzen von süddeutschen Truppen geschlagene Schlacht von Wörth war die Feuertaufe für den endlich geschlossenen Waffenbund des Nordens und Südens. Das Verdienst des Kronprinzen war keineswegs bloss der teuer erkaufte Sieg, sondern mehr noch eben diese Anbahnung einer aufrichtigen und treu bewährten Waffenbrüderschaft bisher verfeindeter Stämme; vor dem Zauber seiner frischen, hochgemuten Persönlichkeit schwand alle partikularistische Eifersucht und alle Bitterkeit früherer Niederlagen aus den biederen Herzen unserer Volksgenossen jenseits des Mains. So hat denn der Maler auch in diesen beiden Bildern inhaltlich das Rechte getroffen. Ich möchte keins von beiden tauschen etwa für ein Bild, das die friedlichen Neigungen und Betätigungen des Kronprinzen versinnlichte. So hochachtbar sie sind, sie müssen doch gegen den Glanz jener weltgeschichtlichen Erfolge verblassen. Es versteht sich von selbst, dass das obere Mittelstück der Wand mit der von einem Rund- bogen umschlossenen Fenstergruppe in seiner dekorativen Ausstattung bei der Ausmalung der übrigen Flächenteile angepasste Veränderungen erfahren muss. Sehr glücklich benutzt nun der Künstler die sieben mässig grossen gotischen Fenster, um durch stimmungsvolle Glasmalerei dem ganzen Raum im Sinne seiner eigentlichen Zweckbestimmung noch eine erhöhte, fast kirchliche Weihe zu geben. Er schmückt sie, die Tugenden allegorisierend, mit weiblichen Figuren, die, nebeneinanderstehend. schon durch eine gewisse Einförmigkeit ihrer Haltung einen sehr feierlich wirkenden Chor ausmachen. Nimmt man nun noch hinzu, dass die vier Hauptstücke der Komposition durch ein edel stilisiertes und mit sinnigen Emblemen verziertes Rahmenwerk ebenso sehr von einander getrennt als mit einander verbunden werden, so möchte ich glauben, dass dieser Entwurf die gestellte Aufgabe in glücklicher Weise löst und vor allen anderen verdient, durch die Ausführung ausgezeichnet zu werden. Allerdings bedarf er im einzelnen in Form und Farbe erst noch der gründlichen Durch- arbeitung; wie er sich jetzt ausnimmt, ist er nur eine rasch hingeworfene Skizze mit mancherlei Schwächen; so macht z. B. der Friedensgenius auf dem mittleren Bilde, so wenig ich ihn, wie gesagt, in seiner tröstlichen Bedeutung missen möchte, doch in seiner gegenwärtigen schablonenhaften Stellung und Haltung einen recht trivialen und langweiligen Eindruck. Gelingt aber diese noch ausstehende zeichnerische und koloristische Vertiefung, so bin ich gewiss, dass in der Folge tausend und aber- tausend Schüler in empfänglichen Stunden voll schauernder Ehrfurcht aufblicken werden zu diesem Bildwerk, das ihnen mit eindringlicher Beredsamkeit von so grossen Taten und so schwerem Leide erzählt.