Jahrgang 
1905
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Von den eingereichten Entwürfen zur Ausmalung einer Aulawand können nach meinem unmassgeblichen Geschmack nur zwei ernstlich in Frage kommen: der von Hausmann und der von Katsch.

Hausmann hat ein grosses Schlachtbild komponiert, das mit den beigegebenen schmalen Seitenbildern die Wandfläche in ihrer ganzen Breite einnehmen würde. Auf der einen Seite empor- wirbelnde unheimliche Wolken grauschwärzlichen Pulverdampfes, die Ross und Reiter in den kämpfenden Reihen nur in schattenhaftem Umriss erkennen lassen; gegenüber, in den vollbeleuchteten Vordergrund gestellt, hoch zu Ross, der kronprinzliche Feldherr in ruhig sicherer und edler Haltung; zu seinen Füssen, auf den Boden hingestreckt, verwundete und gefallene Krieger. Aber dass sie sich nicht umsonst geopfert, bezeugt der jubelnde Zuruf, mit dem ihre Kameraden im Vordringen voller Siegeszuversicht ihren heldenhaften Führer begrüssen. Ich glaube wohl, dass die Ausführung dieser Skizze, die den bei Schlachtenbildern so gewöhnlichen Fehler allzugrossen Figurenreichtums wohl- weislich vermeidet und doch mit ihren Stimmungskontrasten uns ebenso die Schrecken wie die Er- habenheit des Krieges lebendig vor Augen bringt, recht eindrucksvoll wirken würde auch in diesem Raume, der zwar vorzugsweise in den Dienst anderer Erziehungszwecke gestellt ist, aber doch mithelfen soll, auch eine tapfere Jugend heranzubilden.

Allein die Gesamtdisposition des Bildes unterliegt den schwersten Bedenken. Einmal ist die Umrahmung wie alles dekorative Beiwerk in den Formen der Renaissance gehalten, die dem sonstigen Stilcharakter unserer Aula widersprechen. Sodann müssten die Fenster beseitigt werden. was nicht bloss die Lichtfülle des Saales in unerwünschtester Weise vermindern, sondern auch seiner Architektur selbst ein reizvolles Motiv entziehen würde.

Beide Mängel sind in dem Entwurf von Katsch vermieden. Er nimmt verständigerweise die gegenwürtige Gliederung der Wand als unantastbar hin und füllt nur die noch verfügbaren Flächen. In Anlehnung an diese gegebenen Raumverhältnisse ist seine Komposition vierteilig und ermöglicht schon dadurch eine reichere künstlerische Aussprache über das menschliche Schicksal und die geschicht- liche Bedeutung des Herrschers, den es zu verherrlichen gilt. In der oblongen Fläche unter der Fensterreihe erblicken wir den kaiserlichen Sarkophag, auf dem, in Stein gehauen, die Figur des Helden im vollen Waffenschmucke ruht. In den Mittelpunkt des Ganzen gerückt, fällt dieses Teilbild zuerst und am eindringlichsten ins Auge. Kein Zweifel, dass zunächst rein äusserlich das längliche Gebilde des Sarges zu der gestreckten Bildfläche vortrefflich passt. Aber die Bedeutung des Gegen- standes selbst, wendet man ein, muss Bedenken erregen. Soll denn gerade die lebensfrische und hoffnungsfrohe Jugend, die hier ein- und ausgehen wird, mit diesem Bilde an den düsteren Ernst des Todes und noch dazu eines vorzeitigen immer wieder erinnert werden? Ich kann diesen Einwurf nicht teilen oder doch nicht in der Schwere gelten lassen, dass er zur Wahl eines anderen Bild- inhaltes bestimmen müsste oder auch nur bestimmen dürfte. Ich berufe mich zunächst im allgemeinen auf die überzeugenden und erhebenden Worte Goethes, der seinen Pfarrer in Hermann und Dorothea einem ähnlichen Bedenken gegenüber gerade im Tode eine doppelte Quelle des Lebens entdecken lässt:

Des Todes rührendes Bild steht Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln, Diesem stärkt es. zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung; Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.

Sodann aber wird der Künstler gerade durch diese Darstellung der ergreifenden Tragik gerecht, die über diesem Fürstenleben gewaltet. In der Vollkraft der Jahre, von der dankbaren Liebe seines Volkes getragen, von lange verhaltenen Hoffnungen begrüsst, ward er hinweggenommen, als sich ihm nach langem untätigen Harren gerade die glänzendste Aussicht auftat, von der Höhe

Sess