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Schnell fliehen die Jahre; die Glocke bezeichnet den Wechſel jeder Stunde,— wenn auch vom wild hinausſtrebenden Knaben ungehört, doch bedeutungsvoll. Allem fremd ge⸗ worden kehrt der Jüngling in das Vaterhaus zurück. Und ſie, die ihm als blühende Jung— frau entgegentritt, iſt ſie wirklich die kleine Geſpielin ſeiner Kindheit, die kaum beachtete, die wohl vergeſſene? Für ihn iſt ſie hold erblüht. Er ahnts, er fühlts— er liebt. Froh führt er die geſchmückte Braut zum Altare— helles Glockengeläute erhöht die Feier des ſchönſten, wichtigſten Augenblickes ſeines Lebens. Der ganze Ernſt ſeiner Beſtimmung tritt nun dem jungen Manne vor das Auge; mit Muth und Ausdauer ringt er das Glück dem Leben ab; er kämpft, und Sorgen furchen ſeine Stirn.
Der Abend führt den Erſchöpften in den Kreis ſeiner Lieben, an die Seite ſeiner treuen Gattin. Sein Auge weidet ſich an ihrem frohen ſtillen Walten, am unſchuldigen Spiele der Kinder, und des Himmels Segen ruht auf ſeinem Hauſe, das ſchönſte Glück blüht ihm am eignen Heerde.
Der Glückliche! Sein Ohr vernimmt der Abendglocke letzte Klänge, ſie ſind ihm ſüß, — ſie athmen und verbreiten Ruhe. Doch ſüßer noch klingt ihm die Stimme in ſeinem Innern; denn ſie ſpricht von erfüllter Pflicht, von reinem Bewußtſein, und dankend blickt er nach Oben, freilich auch ſtolz um ſich. Wie lange mag der Glückliche träumen?
Horch, hört ihr das Sturmgeläute? Aus finſtern Wolken fällt ein unſeliger Strahl zündend auf das Dach des Hauſes, und das ſchnell wachſende Feuer verzehrt der Hände treuen Fleiß, zerſtört des Herzens Freude. Machtlos ſind alle menſchlichen Anſtrengungen gegen die entfeſſelte Gewalt der Elemente! Wie reich iſt noch der plötzlich arm gewordene Vater des Hauſes, wenn ihm mindeſtens keines ſeiner Lieben fehlt! Wie leicht vergißt er dann ſelbſt die rauchenden Trümmer! Denn, was verſchmerzt ſich ſchwerer als der Verluſt einer Seele, die wir lieben?
Dumpfe, bange Glockenſchläge künden die Schläge des Schickſals— dort bewegt ſich langſam ein Leichenzug. Die treue Gattin, die liebende Mutter ruht im Sarge. Der Gatte, die Schaar der Kinder folgt mit blutendem Herzen, mit nimmer heilender Wunde.
Mögen ſie den Troſt dort finden, wohin die Glocke zum Gebete ladet; es iſt ihr höchſter Dienſt. Und dennoch muß dieſe eherne Zunge der Liebe und des Himmels in ſturm⸗ reicher Zeit der Erde und dem Haſſe dienen. Wie paßt dieſer Mißklang zu ihr, der Tochter des Klanges, der auserkorenen Verkünderin des Friedens?
Laßt ſie, entweiht ſie nicht. Friede ſei ihr Ton, und Friede der Wiederhall des Tons in Eurer Bruſt!


