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Gedicht wegen des äußerſt kunſtvollen, ſinngemäßen Wechſels der Versmaaße, die um das unveränderte erſte Grundmaaß des Meiſters ſpielen, als ein Meiſterſtück bezeichnet und genau geprüft zu werden. Im Allgemeinen läßt ſich ſagen, daß der metriſche Schritt ſich überall auf die wunderbarſte Weiſe dem Inhalte und der beſonderen Stimmung anſchmiegt. Natür⸗ lich können wir hier nicht dies in ausführlicher Weiſe darthun, darum wollen wir nur eini⸗ ges Bedeutſame hervorheben. Das eigentliche Glockengießerlied bewegt ſich trochäiſch fort; die Betrachtungen haben den iambiſchen Gang als Grundlage, der aber vom trochäiſchen, dak⸗ tyliſchen, anapäſtiſchen und kretiſchen Schritte abgelöſt wird. Den iambiſchen Gang finden wir durchgehends in den 3 erſten Betrachtungen. Die vierte Betrachtung hat ihn noch in den erſten ſechs Verſen 88— 93; dann plötzlicher Uebergang zum trochäiſchen Tetrameter V. 94— 101. „Lieblich in der Bräute Locken ſpielt der jungfräuliche Kranz“ dc., deren ſchmelzende, liebliche Färbung und unwiderſtehliche Anziehungskraft jedem fühlbar wird. Mit dem Verſe 102 be⸗ ginnt daktyl. trochäiſcher Grundrhythmus, von dem wir im Programm vorigen Jahres S. 14 geſprochen haben. V. 113— 115 daktyliſche Tetrameter, mit einer Silbe Vorſchlag, ebenſo 127— 132, die dann mit 132 einen angemeſſen, wohltönenden Abſchluß finden mit einem Verſe, der den Charakter des Adonius hat. V. 133— 139 ſind daktyliſch trochäiſche Verſe mit 4 Hebungen. Von ganz beſonderer Wirkung iſt der Rhythmus in den folgenden vier Zeilen mit kretiſchem Schritt, in denen ſich maleriſch der Stolz und die Zuverſicht ausdrückt, SE, S„Feſt wie der Erde Grund“ zc. Mit dem im 144. Verſe eintretenden trochäiſchen Rhythmus fällt gleichſam wieder die in den Creticis vorher ſich ausſprechende ſtolze Zuverſicht, und man fühlt, wie der Vater im Hinblick auf die Unbeſtändigkeit des Glücks ſich der menſchlichen Schwäche bewußt wird.
In der fünften Betrachtung wollen wir noch die Trochäen V. 186„Balken krachen, Pfoſten ſtürzen“ dc. hervorheben, die etwas Gewaltſames haben, und ſonſt an ſich unſchön ſind; hier aber werden ſie charakteriſtiſch, indem ſie durch ihre haſtige Bewegung die Situa⸗ tion kräftiger ausmalen.— Das Uebrige iſt leicht verſtändlich, deßhalb ſchließen wir hier mit den Bemerkungen über das Versmaaß.—
Sehr lehrreich iſt es, den Inhalt eines Lehrgedichtes in Proſa und im eigentlichen Lehrtone wiederzugeben, um ſich von dem Unterſchiede zwiſchen einer ſtreng verſtandes⸗ mäßigen und einer das Gefühl anrufenden Darſtellung recht deutlich zu überzeugen. Wir fügen als Beiſpiel das Lied von der Glocke in Proſa überſetzt hier an(nach Eckardt Anlei— tung, dichteriſche Meiſterwerke zu leſen S. 46) und der Leſer wird erſehen können, ob er das Lied in ſeinem Kern erfaßt habe, und ob das Gedicht nach dem Wegfallen des Reimes und des Zeitſchwunges noch einen Zauber beſitzt.
Edles Gebilde aus Erz, von Meiſterhand künſtlich gebauet! Leblos, lebſt du doch; ſtumm, ſprichſt du doch! Fühllos iſt zwar deine eherne Bruſt, aber entſtrömen ihr nicht Töne des tiefſten Mitgefühls an der Menſchen Luſt und Leid?
Todte Maſſe— nun trägſt du das Gepräge des menſchlichen Geiſtes; aus rohen Stoffen gebildet erweckſt du nun Bewunderung. Doch eine höhere Weihe giebt dir dein Beruf: Du darfſt ein Freund des Menſchen ſein. Deine feierlich freudigen Klänge begrüßen das zarte Kind an ſeinem goldnen Lebensmorgen, den es ſo ruhig, ſeliglächelnd am Mutter⸗ buſen verträumt. Nicht verſteht es den fernhin tönenden Gruß, der es unter die Menſchen begleitet, nicht den wehmüthigen Klang, der von der verſchleierten Zukunft leiſe zu ſprechen ſcheint.
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