Jahrgang 
1862
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Das Lied von der Klocke.

Vivos voco, Mortuos plango, Fulgura frango.

1. Feſt gemauert in der Erden Steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muß die Glocke werden! Friſch, Geſellen! ſeid zur Hand! Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß, Soll das Werk den Meiſter loben; Doch der Segen kommt von oben. I. Zum Werke, daß wir ernſt bereiten, Geziemt ſich wohl ein ernſtes Wort; 10 Wenn gute Reden ſie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort. So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten, Was durch die ſchwache Kraft entſpringt; Den ſchlechten Mann muß man verachten, Der nie bedacht, was er vollbringt. Das iſt's ja, was den Menſchen zieret, Und dazu ward ihm der Verſtand, Daß er im innern Herzen ſpüret, Was er erſchafft mit ſeiner Hand. 20 2. Nehmet Holz vom Fichtenſtamme, Doch recht trocken laßt es ſein, Daß die eingepreßte Flamme Schlage zu dem Schwalch hinein! Kocht des Kupfers Brei, Schnell das Zinn herbei! Daß die zähe Glockenſpeiſe Fließe nach der rechten Weiſe! II. Was in des Dammes tiefer Grube Die Hand mit Feuers Hülfe baut, 30 Hoch auf des Thurmes Glockenſtube, Da wird es von uns zeugen laut. Noch dauern wird's in ſpäten Tagen Und rühren vieler Menſchen Ohr, Und wird mit dem Betrübten klagen, Und ſtimmen zu der Andacht Chor. Was unten tief dem Erdenſohne Das wechſelnde Verhängniß bringt, Das ſchlägt an die metallne Krone, Die es erbaulich weiter klingt. 40

3. Weiße Blaſen ſeh' ich ſpringen; Wohl! die Maſſen ſind im Fluß. Laßt's mit Aſchenſalz durchdringen, Das befördert ſchnell den Guß.

Auch vom Schaume rein

Muß die Miſchung ſein,

Daß vom reinlichen Metalle Rein und voll die Stimme ſchalle. III. Denn mit der Freude Feierklange Begrüßt ſie das geliebte Kind Auf ſeines Lebens erſtem Gange, Den es in Schlafes Arm beginnt; Ihm ruhen noch im Zeitenſchoße Die ſchwarzen und die heitern Lvoſe; Der Mutterliebe zarte Sorgen Bewachen ſeinen goldnen Morgen Die Jahre fliehen pfeilgeſchwind. Vom Mädchen reißt ſich ſtolz der Knabe, Er ſtürmt ins Leben wild hinaus, Durchmißt die Welt am Wanderſtabe, Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus; Und herrlich in der Jugend Prangen, Wie ein Gebild aus Himmels Höh'n, Mit züchtigen, verſchämten Wangen Sieht er die Jungfrau vor ſich ſtehn. Da faßt ein namenloſes Sehnen Des Jünglings Herz, er irrt allein, Aus ſeinen Augen brechen Thränen, Er flieht der Brüder wilden Reihn; Erröthend folgt er ihren Spuren, Und iſt von ihrem Gruß beglückt, Das Schönſte ſucht er auf den Fluren, Womit er ſeine Liebe ſchmückt. Ol zarte Sehnſucht, ſüßes Hoffen, Der erſten Liebe goldne Zeit! Das Auge ſieht den Himmel offen, Es ſchwelgt das Herz in Seligkeit; O! daß ſie ewig grünen bliebe Die ſchöne Zeit der jungen Liebe! 4. Wie ſich ſchon die Pfeifen bräunen!

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