Vorwort zur Bezeichnung des Standpunktes.
Gelegenheit der Schillerfeier wird ſich gewiß Manchem die Betrachtung aufge⸗ drängt haben, daß der Enthuſiasmus groß war, aber gar nicht im Verhältniß ſtand zu dem Verſtändniß des Dichters, das man beim Volke als vorhanden anzunehmen berechtigt iſt. Wie viele möchten wohl Schiller geleſen und verſtanden haben! wie viele mögen ihn geleſen und nicht verſtanden haben! Viele hatten ihn vielleicht gar nie geleſen und doch verſtanden! So ſehr es nun zu bedauern iſt, daß es bei der großen Mehrzahl der deutſchen Nation nur ein dunkles, unklares Gefühl war, was ſie bei dieſer Feier leitete, ſo wird doch bei Vielen eine wohlthätige Wirkung dieſes Enthuſiasmus bei der Feſtfeier nicht ausgeblieben ſein; denn jeder nur einigermaßen denkende Menſch mußte veranlaßt werden, dem Grunde dieſer wahrhaft großartigen Begeiſterung nachzuſpüren. Das führte ihn von ſelbſt zunächſt zu einer ſorgfältigeren Lectüre Schillerſcher Werke, vor allen der dramatiſchen. Indeß iſt die gewiſſenhafte Lectüre der lyriſchen und namentlich der epiſchen Gedichte Schillers für das Verſtändniß des geiſtigen Entwickelungsganges des Dichters ſehr belehrend und nothwendig. Nun wird man allerdings Herrn Gottſchall*) zugeſtehen müſſen, daß viele Stoffe, die Schiller behandelte, in das Reich der Kunſt⸗ und Gelehrtenpoeſie gehören, und es wird Niemand behaupten wollen, daß der mythologiſche Ballaſt, den ſie mit ſich führen, ein weſentliches Ingredienz der deutſchen Na⸗ tionaldichtung ſei— allein iſt es denn abſolut nothwendig, daß die Stoffe national ſeien? Iſt es nicht von größtem Nutzen, die Ideen anderer Nationen kennen zu lernen, um daran der Eigenthümlichkeit der nationalen Ideen und Anſchauungen ſich bewußt zu werden? Mögen alſo die Stoffe auch keineswegs volksthümlich ſein— es wird jedem deutſchen Gemüthe wohlthun, ſich mit Schiller in die griechiſche Welt, mit der wir durch unſern Bildungsgang ſo innig verwachſen ſind, zu vertiefen, und zu verfolgen, wie er an deren Meiſterwerken mit Göthe unſere Literatur in der kurzen Zeit eines Menſchenalters mit bewundernswerther Genialität aus ihrer Erniedrigung zur claſſiſchen Höhe emporgehoben hat. Und wenn nun wirklich der Stoff gar keine Anziehungskraft hätte, ſo iſt es die Behandlung des Stoffes, die Form, die durch ihren Adel, durch den erhabenen Schwung der Sprache, durch die kunſt⸗ volle Zuſammenſetzung der Strophen, durch die dramatiſche Behandlung des Stoffes einen unwiderſtehlichen Reiz ausübt. Viele ſeiner Verſe leben im Munde ſeines Volkes, und er⸗ freuen jeden durch ihren Wohlklang nicht minder als durch ihren Tiefſinn. Er war kein großer Sprachforſcher— ſagt Döderlein in ſeiner Feſtrede an Schillers hundertjährigem Ge⸗ burtstag— kein umfaſſender Sprachenkenner, kein gelernter Muſiker noch Metriker, und doch beſaß er eine natürliche Gewalt über die Sprache wie wenige, und eine Beredſamkeit, die, um mit und nach ihm ſelbſt zu ſprechen, bald„mit ſüßer Rede ſchmeichleriſchem Tone lock⸗
*) Literaturgeſchichte.


