Jahrgang 
1915
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durch ſeine edlen Charaktereigenſchaften. Die ſeltene Lauterkeit ſeines ſchlichten Weſens, die unbedingte Zuverläſſigkeit, die große Herzensgüte, die aus dem freundlichen Lächeln ſeines Mundes und aus jedem ſeiner Worte ſprach, erwarben ihm die Liebe und die Verehrung von jedermann, beſonders aller ſeiner Schülerinnen, die mit dem Lehrerkollegium der Anſtalt von tiefſtem Schmerz um den viel zu früh Dahin⸗ gegangenen erfüllt ſind. Aber wer in den Tagen, als ſich nach langer Ungewißheit die traurige Nach⸗ richt von ſeinem Code beſtätigte, in unſerer Stadt gelebt hat, der weiß, wie weit nicht nur unter den Angehörigen der Schule, ſondern unter allen ihren Bewohnern der Schmerz um den Dahingeſchiedenen verbreitet war; waren ihrer doch viele, die ſeinen edlen Sinn undſeiner Sitten Freundlichkeit erfahren hatten, und alle rührte ſein Geſchick. In unſeren Herzen wird der teure Mann, dem das hohe Glück zu teil ward, ſein hoffnungsreiches junges Leben für unſer liebes Vaterland dahin zu geben, allezeit ſeinen Platz behalten und ſein Andenken noch in ſpäten Tagen in Segen ſein.

Am 8. Oktober wurde eine unſerer tüchtigſten und pflichteifrigſten Lehrerinnen, Fräulein Berta Schäffer, in ihrer heimatſtadt Worms, wo ſie die herbſtferien verbrachte, im Alter von 48 Jahren von einem herzſchlag unerwartet dahingerafft. Zwei Tage darauf fand auf dem hochheimer Friedhof ihre Beerdigung ſtatt, wobei der Direktor in einer Anſprache die tiefe Trauer aller Glieder unſerer An⸗ ſtalt, die der heimgegangenen 12 Jahre hindurch ſo großen Dank ſchuldig geworden iſt, zum Ausdruck brachte. Auch ihr Gedächtnis wird bei uns noch lange weiter leben.

Nach den herbſtferien traten in unſer Lehrerkollegium ein: Herr Lehramtsaſſeſſor Dr. Frh. Jakob Gedult von Jungenfeld(am 14. Oktober) und herr Lehramtsreferendar Dr. Adolf Schach(am 18. Okt.); ebenſo übernahm von da ab herr Pfarrverwalter Ferdinand Bürſtlein den evangeliſchen Religionsunterricht in unſeren beiden vierten Klaſſen.

Am 13. Oktober beehrte Herr Geh. Oberſchulrat Block unſere Anſtalt mit ſeinem Beſuch und wohnte dem Unterricht mehrerer Klaſſen bei; am 22. und 23. Januar beſichtigte der Großh. Turninſpektor herr Schulrat Schmuck unſeren Turnunterricht.

Zur Feier der Geburtstage Sr. Königlichen hoheit des Großherzogs und Sr. Majeſtät des Kaiſers fanden in dieſem Schuljahre nichtöffentliche Schulfeiern in den einzelnen Klaſſen ſtatt.

Ende November wurde herr Oberlehrer Pfeifer zum Feldwebelleutnant befördert. Um dieſelbe Zeit erhielt herr Lehramtsaſſeſſor Lohnes, der zum Vizefeldwebel und Offtziersſtellvertreter er⸗ nannt war, die hohe Auszeichnung des Eiſernen Kreuzes. Am 27. Januar wurde herr Lohnes zum Leutnant der Reſerve befördert.

Monatelang lagen zwei Glieder unſeres Uollegiums, Herr Lehramtsaſſeſſor Lohnes und hHerr Reallehrer Kieffer, verwundet in hieſigen Lazaretten; der letztere konnte Anfang Februar als geheilt entlaſſen werden und in den Krieg zurückkehren.

Am 8. Februar wurde herr Lehramtsreferendar Dr. Schach zum Arriegsdienſt eingezogen, kehrte aber nach drei Wochen als beurlaubt hierher zurück und nahm am 1. März ſeinen Dienſt wieder auf.

Daß unſere Schülerinnen alleſamt die großen Ereigniſſe des Weltkriegs begeiſtert miterlebten, bedarf keiner Verſicherung.Auch beteiligten ſie ſich an der Fürſorge für unſere Krieger, wo es irgend möglich war. In faſt allen Klaſſen wurde für die Soldaten Leinwand gezupft, geſtrickt und genäht; beſonders wurden Hemden angefertigt. Zweimal waren zahlreiche Schülerinnen bei Hausſammlungen beteiligt, an der vor Weihnachten und in der Reichswollwoche. Für die Weihnachtsbeſcherung im Felde gingen bei einer in unſerer Schule veranſtalteten Sammlung eine große Menge von Liebesgaben ein; etwa 200 Pakete konnten dem Roten Areuz überſandt werden.

Der Geſundheitszuſtand des Lehrerkollegiums und der Schülerinnen war befriedigend.

Im Sommer 1914 waren, wie ſonſt, freiwillige Spielnachmittage für die Klaſſen I V ein⸗ gerichtet; die! Beteiligung war in Folge des Kriegs etwas geringer als in früheren Jahren. Mit Leibesübungen beſchäftigt ſich auch der Schülerinnenverein der Pfadfinderinnen. Schauturnen oder Spielfeſte wurden an unſerer Schule nicht veranſtaltet. Dagegen unternahmen alle Klaſſen etwa monatlich einen mehrſtündigen Vormittagsſpaziergang.