Jahrgang 
1907
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Die Zuſammenſetzung unſeres Kuratoriums hat im Laufe des Schuljahres Veränderungen erfahren. Infolge ſeiner Verſetzung an das Gymnaſium in Gießen ſchied Herr Gymnaſialdirektor Dr. Henſell aus dem Kuratorium aus, und an ſeiner Stelle wurde durch Verfügung der hohen Schulbehörde vom 17. Oktober 1906 der Direktor der hieſigen Oberrealſchule, Herr Jäger, zum Mitglied dieſer Körperſchaft ernannt. Am 31. Jan. 1907 beendigte Herr Oberbürgermeiſter Brink ſeine, für die Stadt Offenbach im allgemeinen, wie für unſere Schule insbeſondere ſo erſprießliche Amtstätigkeit. Die beiden genannten Herren ſahen wir mit lebhaftem Be⸗ dauern und mit dem Gefühle innigſter Dankbarkeit aus unſerer Mitte ſcheiden. Die hohen Verdienſte, die ſie ſich gerade in den jüngſtvergangenen Jahren um den inneren Ausbau unſerer Schule und um die Erweiterung der Schulräume erworben haben, ſollen nicht vergeſſen werden.

Dankbar ſei hier auch des ſeitherigen katholiſchen Religionslehrers, des Herrn Geiſtlichen Rates Kaspar Schäfer, gedacht, der ſich am 19. Januar 1907 von dem Lehrerkollegium verabſchiedete, um die ihm über⸗ tragene Pfarrſtelle in Mainz anzutreten. Er hat über 9 Jahre an unſerer Schule im Segen gewirkt und ſich in vollem Maße die Sympathien ſeiner Amtsgenoſſen und Zöglinge erworben. Den durch ſeine Verſetzung erledigten Unterricht übernahm ſein Nachfolger im Pfarramt, Herr Pfarrer Friedrich Kronenberger, der auf Grund der Verfügung der hohen Schulbehörde am 19. Februar 1907 in den Dienſt eingewieſen wurde.

Am 30. Oktober 1906 beehrte Herr Geheimrat Dr. Eiſenhuth die Anſtalt mit ſeinem Beſuch und wohnte dem Unterricht verſchiedener Klaſſen bei. Am 6. und 7. März 1907 unterzog der Großherzogliche Superintendent für Starkenburg, Herr Oberkonſiſtorialrat D. Dr. Flöring, den evangeliſchen Religionsunter⸗ richt einer Prüfung.

Die Erweiterungsbauten wurden im Sommer 1906 ſoweit gefördert, daß wir nach den Sommer⸗ ferien die Räumlichkeiten des Anbaues mit Ausnahme der Turnhalle in Gebrauch nehmen konnten. Die Fertig ſtellung der letzteren verzögerte ſich noch um wenige Wochen. Zu Anfang der Sommerferien wurde mit dem Abbruch des Daches des alten Schulgebäudes und mit der Errichtung eines dritten Obergeſchoſſes begonnen. Während der Bauzeit mußten die Zimmer im zweiten Obergeſchoſſe des älteren Gebäudes geräumt bleiben. Gegen Ende November wurden ſie wieder bezogen, und es fanden nunmehr die beiden Klaſſen, die bisher noch im Seitenbau der Mädchenbürgerſchule in der Bleichſtraße untergebracht waren, in unſerem Schulgebäude Unterkunft. Die baulichen Veränderungen vollzogen ſich, ohne daß eine nennenswerte außerordentliche Unter⸗ brechung des Unterrichts nötig wurde. Daß die unausgeſetzte Bautätigkeit nicht ohne gewiſſe Störungen ablief, iſt ſelbſtverſtändlich. Doch ſind wir reichlich dafür entſchädigt durch die Tatſache, daß uns nunmehr ſchöne, teils ganz neue, teils erneuerte Schulräume in ausreichender Zahl zur Verfügung ſtehen.*) Den ſtädtiſchen Behörden gebührt für ihre treue Fürſorge unſer wärmſter Dank.

Die Monatſpaziergänge wurden auch in dieſem Jahre regelmäßig ausgeführt, die Spielſtunden für die Klaſſen 1IV in den Sommermonaten regelmäßig abgehalten. Ihren Tagesausflug unternahmen die oberen Klaſſen am 22. Juni.

Die Geburtstage unſeres Kaiſers und unſeres Landesfürſten feierten wir diesmal innerhalb der einzelnen Klaſſen. Eine gemeinſame öffentliche Schlußfeier iſt für das Ende des Schul⸗ jahres geplant. Sie iſt zugleich alsWeihe des Hauſes gedacht.

Die diesjährigen Geſundheitsverhältniſſe der Lehrenden dürfen als recht befriedigend bezeichnet werden. Auch die der Zöglinge waren im Vergleich mit anderen Lehranſtalten, die zeitweiſe ſtark unter Epidemien zu leiden hatten, im ganzen günſtig. Trotzdem iſt die Zahl der Schulverſäumniſſe ſo groß geweſen, daß wir uns zu der dringenden Bitte an das Elternhaus genötigt ſehen, es möchten die Kinder doch nur in wirklichen Not⸗ fällen, alſo insbeſondere bei Erkrankung, vom Unterricht fern gehalten werden. Manchmal wird die Schulver⸗ ſäumnis nachträglich durch Gründe zu rechtfertigen geſucht, die wir mit Rückſicht auf die für uns bindende Schul⸗ ordnung unter keinen Umſtänden annehmen dürfen. Am allerwenigſten darf eine Entſchuldigung wegen Ueber⸗ müdung von Schülerinnen durch ihre Teilnahme an Vergnügungen, die bis ſpät in die Nacht hinein währen, von uns als ausreichend betrachtet werden. Für die leibliche und geiſtige Entwickelung unſerer Zöglinge auf allen Altersſtufen und ganz beſonders in den Oberklaſſen iſt die Beſchränkung ihrer Anteilnahme an den teilweiſe

*) Die alte Turnhalle iſt ſeit November 1906 dem hieſigen Gymnaſium bis auf weiteres zur Benutzung überlaſſen worden.