— 4—
niemals nur als Leiter und Beaufſichtiger ſeiner ihm ans Herz gewachſenen Anſtalt gefühlt; er hat aber auch dieſe Aufgabe getreu und gewiſſenhaft erfüllt und mit großer Sorgfalt ſich einen Einblick in alle einzelnen Verhältniſſe der Schule verſchafft. Die große Anzahl von Heften mit Notizen über ſeinen Beſuch der Lehrſtunden legen Zeugnis ab von ſeinem eifrigen Beſtreben, auch den Unterrichtsbetrieb nach Kräften in allen Punkten zu fördern. Und wie gut verſtand er es dann auch wieder, die Schule nach außen zu vertreten, wie vieles hat er in ſeinem Amte übernommen, das Mühe und Arbeit verurſachte und deſſen er ſich ohne Verletzung ſeiner Pflichten hätte entledigen können! Wer von denen, die Gelegenheit hatten, Prüfungen unter ſeiner Leitung beizuwohnen, dächte nicht mit Freuden an ſeine würdige Art, dieſen Schul⸗ feiern, als die er ſie gern betrachtete, einen ſchönen erhebenden Abſchluß durch eine jener kurzen eindringlichen Anſprachen zu geben, in denen er ſich an Schülerinnen und Zuhörer zu wenden pflegte. Und ſo hat er bei außerordentlich vielen Gelegenheiten in der Schule und für die Schule das Wort ergriffen, und er verſtand es, nachdrücklich in wohldurchdachter und maßvoller Weiſe zu reden, mündlich und ſchriftlich. Wie häufig hat er ſich in den Programmen aus der Schule heraus an das Haus gewendet, immer in dem Wunſche, einen lebhafteren Verkehr zwiſchen dieſen beiden Quellen der Jugenderziehung zu vermitteln. Und er hatte ja auch etwas zu ſagen: bewegten ſich doch ſeine Gedanken vorzüglich in dem Kreiſe alles deſſen, was nah oder entfernt mit Schule und Erziehung zuſammenhing; er hat wohl ebenſo gründlich alle äußeren Schulfragen wie den inneren Betrieb des Unterrichts, ebenſo genau die Methode wie die allgemeinen Zwecke in der Erziehung durchdacht; und ſo ſah man ihn denn bald beſchäftigt, Organiſationsfragen zu ſtudieren, bald, die Methodik der einzelnen Lehrfächer wieder und wieder durchzuarbeiten, und bald, den großen ſittlichen und philoſophiſchen Fragen der Erziehung nachzugehen. Der betagte erfahrungsreiche Mann hatte ſich den„offenen Blick“ auch für das ungeprüfte Neue bewahrt; er wußte, was in der pädagogiſchen Welt vorging, und nahm das Gute, wo es herkam; vorſichtig aber und den thatſächlichen Verhältniſſen Rechnung tragend blieb er zeitlebens ein Realpolitiker der Schule und wies alles Überhaſten ebenſo von ſich wie das lärmende Anpreiſen alleinſeligmachender Neuheiten. Manchem vortrefflichen Gedanken, der neu war oder doch wenigſtens vergeſſen unter Äußerlichkeiten, hat er in ſeinen Aufzeichnungen„Aus meinem Tagebuche“, die er unter dem Pſeudonym F. Stein in der Zeitſchrift für weibliche Bildung veröffentlichte, klaren Ausdruck verliehen. Er war, wie im Leben überhaupt, ſo auch in der Pädagogik von ſtetiger Art, einer Quelle dauernder Erfolge in aller Erziehung. Bedenkt man, daß er nun auch noch im weiteren Sinne für Schule und Erziehung thätig war: als Mitglied des Schulvorſtandes, der Kreisſchul⸗ kommiſſion, in Angelegenheiten der Kunſtgewerbeſchule, in der Sorge für die Kleinſten der Kleinen, in der Kleinkinderſchule; für die Erziehung im weiteſten Sinne auch durch ſeine eifrige Beteiligung am kirchlichen Leben und an der Armenpflege; betrachtet man ſeine emſige litterariſche Arbeit, als deren Früchte anzu⸗ führen ſind ein naturgeſchichtlicher Anſchauungsunterricht, Jugendſchriften, wie die lieblichen Erfindungen im Büchlein„Freud und Leid“,„Kleine Malereien“, Bilder aus dem „Natur⸗ und Menſchenleben“, das Leben Jung⸗Stillings, Paul Gerhardts; die„Worte des Lebens“, mit Pfarrer Hardt herausgegeben, ſeine ausgewählten Gleichniſſe Jeſu, ferner die wertvolle Geſchichte des öffentlichen Schulweſens zu Offenbach, die Anſprachen bei den Prüfungen, die oben ſchon erwähnten Tagebuchaufzeichnungen— betrachtet man dies alles, ſo ſteht ein reiches weites Lehrerleben, ein ausgefülltes wohlausgenütztes Daſein vor uns. Und kann hier nicht weiter von der ſtillen wiſſenſchaftlichen Arbeit des Mannes, von einem reich entwickelten Gemütsleben, ſeiner Kunſt humorvoller Unterhaltung, ſeinem herzerfreuenden Genießen und Mitleben der Natur die Rede ſein, ſo mögen doch noch ein paar Worte nicht fehlen über die Thätigkeit, der er vor allem gern oblag, die ihm eine Erfriſchung von aller Arbeit bedeutete: ſeinem Unterricht. Er gab verhältnismäßig viele Stunden ſelbſt, namentlich Religion, Deutſch und Geſchichte. Größte Sorgfalt in der Vorbereitung zeichnete ihn hier aus; er ſah hierin eine unerläßliche Vorbedingung eines jeden Unterrichtes. Und wie er die Stunden vorbedachte, ſo hat er ſie auch nachbedacht, den Stoff, die Behandlung und ſich ſelbſt nachprüfend. Während er ein Feind der„Stoffanbeterei“, wie er es nannte, war und darauf ausging,„geiſtiges Leben zu entbinden,


