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dem Massenbetrieb, der naturgem iss in unseren öffentlichen Schulen herrscht und herschen muss. Oft müssen wir, nach dem was wir in der Klasse sehen, annehmen, ein Junge ist unaufmerksam, ein anderer ist faul, und bestrafen ihn, um ihn zur Erfüllung seiner Pflicht zu zwingen. Plötzlich erfahren wir, dass der arme Junge gar nicht aufpassen kann, weil er sich körperlich nicht wohl fühlt, dass er vielleicht den ganzen Nachmittag mit seinen Arbeiten herumzieht, und nicht in der richtigen Weise arbeiten kann; sehen Sie in solchen Fällen ist eine Rücksprache mit dem Lehrer unendlich wertvoll für beide Teile. Auch dus umgekehrte kommt vor: ein Junge ist ein mittlerer Schüler, kommt'recht und scalecht mit, wir hulten ihn für mittelmässig oder missig begabt, uud da stellt sich heraus, dass der Schlingel begabt ist, nur zu Haus nichts tut. Es gibt noch eine unendliche Menge solcher Fälle, wo eine Verbindung von Schule und Haus von grösstem Werte ist für den Schüler selbst. Eines müssen wir dabei voraussetzen und verlangen, Offenheit; nichts beschönigen, nichts bemänteln, dem Lehrer nichts vormachen, denn wer hat den Schaden davon? Nur der Junge selbst. So wenig wie Sie dem Arzte gegen- über Scheu zu haben brauchen, offen zu sein, ja die Pflicht dazu haben, gerade so bei uns; auch wir haben unser Dienstgeheimnis; wie der Arzt nur das Iuteresse seines Patienten im Auge hat, s) auch wir. Also nochmals, wir bitten um Vertrauen und Offenheit und rege Teilnahme für das Leben der Schule.
Und nun zum Schluss wende ich mich an Euch, liebe Schüler, zuletzt, aber Ihr seid im Grunde die Haupt- personen; denn für Euch geschieht alles, was wir hier tun, für Euch wird die neue Schule gegründet, für Euch übernehmen die Stadt und Eure Eltern grosse Kosten Ich habe Euch nur eins zu sagen, zeigt Euch dessen würdig. Ihr besucht von heute ab eine höhere Schule. Das hebt Euch heraus aus der Masse Eurer Altersgenossen; glaubt aber nicht, dass Ihr schon deshalb grössere Vorrechte genösset, dass Ihr etwas Besseres wäret. Das habt Ihr erst zu beweisen, erst zu verdienen; zunächst durch Euer Betragen in unserer Schule. Was es heisst, sich gut betragen, das weiss jeder selbst, das brauche ich Euch nicht zu sagen. Wir wollen Euch allen Frohsinn der Jugend geniessen lassen, ihr sollt ihn haben, wir wollen keine Kopfhänger; frische, fröhliche Jungens sollt Ihr sein, die auch einmal eiuen Streich ausführen, das schadet gar nichts, namentlich wenn er lustig ist. Aber eine Schlechtigkeit darf er nicht enthalten, er darf niemand ernstlich schädigen. Und dann— wenn Ihr etwas getan habt, dann seid auch, wie es frischen fröhlichen Jungens geziemt, heraus mit der Wahrheit, offen eingestanden, nicht gelogen.— Dann aber müsst Ihr tüchtig arbeiten, denn dazu werdet Ihr hierhergeschicke; und aufpassen in der Schule, das macht Euch die Arbeit noch einmal so leicht. Wenn Ihr das tut, dann habt Ihr gewonnenes Spiel, dann arbeitet Ihr auch daran mit, dass unsere neue Realschule gedeiht: das ist doch unser aller Wansch Wenn so alle Faktoren zusammenarbeiten und ihre Pflicht tun, dann kann der Segen nicht fehlen, dann muss das Werk Erfolg haben.
Ein Gesang der Schäüler beschloss die eindrucksvolle Feier. Am folgenden Tage be- gann der Unterricht. Rektor Kexel übernahm den Schreibunterricht sowie Deutsch in Sexta, Lehrer Kaltenhäuser den Zeichen- und Gesangunterricht
Den evangelischen Religionsunterricht erteilte Pfarter Heß, den katholischen Kaplan Kaiser und nach dessen Versetzung am 15. Februar Pfarrer Friton.
Der Gesundheitszustand der Schüler war fast durchweg gut; allerdings mußten zwei wegen schwerer Erkrankung die Schule verlassen. Vom Lehrerkollegium mußte Oberlehrer Schreiner zwei Tage vor und drei Tage nach den Weihnachtsferien wegen Krankheit den Unterricht aussetzen.
Die Weihnachtszeugnisse wurden am Samstag, den 17. Dezember verteilt. Am 20. Dezember fand die Weihnachtsfeier statt, bei der uns die Eltern unserer Schüler in großer Zahl mit ihrem Besuch erfreuten. Der Unterzeichnete hielt die Ansprache.
Kaisers Geburtstag wurde durch eine gemeinsame Feier der Realschule, Höheren Mädchenschule und Volksschule in der Turnhalle begangen. In seiner Festrede gab der Unter- zeichnete zunächst einige Bilder aus der Zerrissenheit Deutschlands und schilderte dann in kurzen Zügen die Entwickelung der deutschen Einheit.
Der übrigen vaterländischen Gedenktage wurde in den einzelnen Klassen in der deutschen oder Geschichtsstunde gedacht.
Am 23. Februar nahm Herr Geheimer Regierungs- und Provinzial-Schulrat Dr. Kaiser eine Revision der Anstalt vor, die zu dem Ergebnis führte, daß aus einem Teil der Quarta eine Untertertia gebildet werden kann. Das Königſ. Provinzial-Schulkollegium genehmigt demgemäß, daß mit Ostern die Untertertia eröffnet wird.


