Jahrgang 
1908
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Professor Dr. Hermann Willig† 3(von Oberlehrer E. Kohl.)

Hermann Willig wurde am 13. Mai 1860 zu Dienheim bei Oppenheim a. Rh. geboren und erhielt seinen ersten Unterricht an der Höheren Bürgerschule zu Oppenheim. Später besuchte er die Realschule zu Mainz, die er am 30. August 1878 mit dem Zeugnis der Reife verliess, um sich auf der Landesuniversität Giessen dem Studium der Mathematik, Physik und Mineralogie zu widmen. Schon während seiner Studienzeit lenkte Willig infolge seiner glänzenden Begabung und seines grossen Fleisses die Aufmerksamkeit der Professoren auf sich. Seine ernsten und gewissen- haften Studien damals brachten ihm später bei Ausübung seines Berufes reiche Früchte. Nach dem am 23. April 1882 von ihm bestandenen Staatsexamen begann er im Mai 1882 sein Akzess- jahr am Realgymnasium und der Realschule zu Mainz und verblieb daselbst seit dem 16. Juni 1883 in dauernder Verwendung. Am 14. November 1886 promovierte er an der Landesuniversität mit einer Dissertation über:Beiträge zur Kenntnis der negativen Fusspunkts-Kurven, insbesondere derjenigen der Kegelschnitte. Die definitive Anstellung erfolgte am 29. Oktober 1887 am Real- gymnasium und der Realschule zu Mainz, der sich am 29. Oktober 1898 die Ernennung zum Professor anschloss. Am 18. April 1907 erlöste ihn der Tod von einem langen, schweren Leiden; es sollte ihm nicht mehr vergönnt gewesen sein, das Jubiläum einer 25 jährigen erspriesslichen Lehrtätigkeit zu begehen.

Mit Hermann Willig schied eine Persönlichkeit aus dem Leben, die stets die Liebe und Verehrung aller, die ihm nahe standen, gewonnen hatte. Von einem tiefreligiösen Gefühl durch- drungen, war es sein oberster Grundsatz, Gotb und seinen Mitmenschen gerecht zu werden. Sein lauterer Charakter, seine offene, freie Meinung und seine stets von altruistischen Motiven geleiteten Handlungen sind die sprechendsten Beweise hierfür. Unaufhörlich war er bestrebt seiner Familie in liebevoller Fürsorge glückliche Stunden zu bereiten. In ihm erblickten alle Kollegen einen Freund, dessen Ratschläge und selbständiges Urteil gerne aufgenommen wurden. Es war klar, dass solch' treffliche Charaktereigenschaften, mit einem glänzenden Wissen und grossem Fleisse vereint, während seiner Lehrtätigkeit nur gute Früchte zeitigen konnten. Seine Schüler verehrten ihn in hohem Masse, wussten sie doch alle, dass Milde und Gerechtigkeit sein Urteil bestimmten.

Willigs grösstenteils schriftlich niedergelegten Ausarbeitungen für den Unterricht sprechen von einem unermüdlichen Fleisse. Sie lassen erkennen, dass er allenthalben versuchte, die Schwierig- keitéen der Materie, die gerade in Mathematik so oft an den Schüler herantreten, elementar zu behandeln. Nahmen auch diese Ausarbeitungen ein gut Teil seiner freien Zeit in Anspruch, so fand er immer noch Gelegenheit sich ernsten Studien in der Mathematik zu widmen. Denselben verdanken wir eine Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen. Ostern 1888 erschien als Beilage zum Programm des Grossherzogl. Realgymnasium und der Realschule eine Abhandlung über:Behand- lung der Kegelschnitte mittelst Linien-Koordinaten. Am 15. Mai 1889 im Archiv für Mathematik und Physik eine Arbeit über:Einfache Konstruktionen für eine Reihe von Unikursalkurven dritter Ordnaung.

Ostern 1892 veröffentlichte Willig ebenfalls in einer Beilage zum Programm die Abhandlung: Einfache Konstruktionen der rationalen Kurven dritter Ordnung, der zu Ostern 1893 der zweite Teil folgte.

Ganz besonderes Interesse hatte Willig der mathematischen Geographie geschenkt. Fleissige Studien auf diesem Gebiete führten ihn zur Erfindung seinesSonnenstandsmessers, der im Verlag von Fr. Ackermann in Weinheim(Baden) erschienen ist und eine günstige Aufnahme und lobende Kritik der Fachkollegen fand. Der Apparat ist ein willkommenes Hilfsmittel für den Unterricht in der mathematischen Geographie. Durch sinnreiche Einrichtung kann man mit einfachen Handhabungen viele zeitraubende Aufgaben, zu deren Lösung man der sphärischen Trigonometrie bedarf, ohne Rechnung schnell und leicht ausführen. Auch eine grosse Anzahl recht anschaulicher Modelle für den Unterricht in der mathematischen Geographie hat Willig selbst angefertigt; sie zu einer Sammlung zu erweitern, war ihm leider nicht mehr vergönnt.

Allzufrühe hat der Tod den trefflichen Menschen mitten aus seinem arbeitsreichen und erspriesslichen Wirken abberufen.

Bewahren wir ihm alle ein treues und ehrendes Andenken!