B. Die Frauenschule.
Die Eröffnung der neugegründeten Frauenschule fand am 26. April im Singsaale der Höheren Mädchenschule statt. Der schlichten Feier wohnten ausser den Frauenschülerinnen und dem gesamten Lehrkörper der Hõheren Mädchenschule die Herren Oberbürgermeister Dr. Göttelmann und Bürgermeister Kuhn sowie fast sämtliche Mitglieder des Kuratoriums bei. Die Frauenarbeitsschule war durch mehrere Vorstandsdamen— Frau Buder, Frau Sanitätsrat Hesdörffer und Frau Justizrat Mayer— vertreten. Nach einer kurzen musikalischen Dar- bietung, ausgeführt von zwei Seminaristinnen, begrüsste der Direktor zunächst die Ehrengäste und wandte sich dann in längerer Ausführung an die Frauenschülerinnen, um sie mit dem Unter- richtsbetrieb der neuen Anstalt näher bekannt zu machen und um darauf hinzuweisen, dass bei aller Freiheit des Lehrens und Lernens, die herrschen solle, doch das„Dic, cur hic!“ nie zu vergessen sei. Man erwarte, dass die jungen Damen das nach dieser Richtung hin in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen wüssten und so auch ihrerseits dazu beitrügen, dass das Interesse an unsrer Frauenschule in immer weitere Kreise der Mainzer Bevölkerung hineingetragen werde. Mit dem Wunsche, dass das neue, dem mächtigen Baume der Höheren Mädchenschule ein- gefügte Reislein nicht verkümmern, sondern sich mehr und mehr auswachsen möge zu einem kräftigen, lebensfrischen Aste, der dem Ganzen zur Zierde gereiche, erklärte der Direktor die Frauenschule für eröffnet.— Frau Buder bewillkommnete nunmehr die Schülerinnen im Namen des Vorstandes der Frauenarbeitsschule. Nach ihren Ausführungen sei es besonders zu begrüssen, dass der Arbeitsplan auch die häusliche und praktische Tätigkeit in seinen Bereich gezogen habe. Dadurch sei es den Schülerinnen möglich, sich ein hohes Mass von Kenntnissen und Fertigkeiten zu erwerben, die später im Dienste der Hauswirtschaft gute Verwendung finden könnten. Als das Hauptziel der Frauenbildung bezeichnete Frau Buder die Ausgestaltung der Persönlichkeit, welche immer mehr nach Vervollkommnung strebe. Schliesslich verlieh sie dem Wunsche Aus- druck, dass die Höhere Mädchenschule und die Frauenarbeitsschule gemeinsam im Dienste harmonischer Frauenbildung eine segensreiche Tätigkeit entfalten möchten.— Hierauf ergriff Herr Oberbürgermeister Dr. Göttelmann das Wort und wies darauf hin, dass mit der Eröffnung der Frauenschule ein von ihm lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen sei. Er freue sich, feststellen zu können, dass— dank der Opferwilligkeit der Mainzer Stadtverordneten— unsre Vaterstadt den Ruhm für sich in Anspruch nehmen dürfe, zuerst unter allen Städten des Hessenlandes eine Frauenschule gegründet zu haben. Die stattliche Zahl der an- wesenden Schülerinnen sei ihm ein Beweis dafür, dass die Gründung wirklich ein Bedürfnis gewesen sei, und er versichere, dass die städtische Verwaltung an der gedeihlichen Weiterent- wicklung dieser jüngsten Schulgattung den regsten Anteil nehme.— Ein stimmungsvoller Klavier- vortrag schloss die kurze Eröffnungsfeier.
Der Unterricht begann am 27. April. Folgende Lehrstoffe wurden durchgenommen:
1. Deutsch(2 St.): Goethes Gedankenlyrik und leichte Prosaschriften. Schillers philosophische Gedichte und kleinere Aufsätze.— Romantiker und Dramatiker des 19. Jahrhunderts.— Ausgewählte Prosastücke aus dem„Deutschen Lesebuch für die weibliche Jungend“ von Ulrike und Margarete Henschke. Dr. Waas).


